Warum Borreliose Selbsthilfe?
Selbsthilfegruppen bilden sich in der Regel immer dann, wenn die etablierten Wissenschaftler nur unbefriedigende
Lösungen für ein bestimmtes Krankheitsbild anzubieten haben. Fachleute mögen es im Allgemeinen gar nicht, wenn
sich Laien in ihre Arbeit "einmischen". Am Beispiel der Lyme-Borreliose wird aber deutlich, daß Laien auch manchmal
Recht haben können.
Die Lyme-Borreliose war von Anfang an eine Angelegenheit der Selbsthilfe. Es war die Mutter Polly Murray aus Old Lyme
(Connecticut, USA), die Mitte der 70er Jahre in ihrer Familie und bei Kindern aus der Nachbarschaft eine "endemische
Arthritis" feststellte und den Zusammenhang mit Zeckenstichen vermutete. Nur durch Druck auf Gesundheitsbehörden
und Wissenschaftler erreichte sie, daß man sich endlich mit dem merkwürdigen Krankheitsbild beschäftigte.
Erst als Willy Burgdorfer 1982 den Erreger, die später nach ihm benannte Spirochäte Borrelia burgdorferi,
entdeckte, setzten intensive Forschungen über die Ursachen, die Zusammenhänge der verschiedensten Symptome und deren
Behandlung ein.
Es gibt bis heute kaum ein Krankheitsbild, dessen Verlauf so vielseitige Auswirkungen, so unterschiedliche Symptome
und deshalb soviel Unverständnis bei Ärzten und Wissenschaftlern hervorruft wie die Borreliose. Kontroverse Ansichten
existieren sowohl hinsichtlich der Pathomechanismen von Bb, der Persistenz der Erreger über Jahre, als auch über die
ausreichende Behandlung der Borreliose.
Hier sei ein Zitat aus einem Artikel über die Syphilis erwähnt,
die große Ähnlichkeiten zur Borreliose aufweist (RKI, Epi.
Bull. 2002, Nr. 5): "Nur selten weiß eine Krankheit, wie sie sich
nach dem Lehrbuch zu verhalten hat!" - Wie wahr !
Merkwürdigerweise geraten wir meist an Rheumatologen oder Neurologen. Dabei ist die Borreliose weder ursächlich eine
neurologische Krankheit, noch hat sie etwas mit Rheuma zu tun. Fehldiagnosen sind so vorprogrammiert. Da es sich um
eine heimtückische Infektion handelt, die den gesamten Körper betreffen kann, sollten besonders Infektiologen
gefordert sein. Diese aber kümmern sich hauptsächlich um HIV, allenfalls noch um Hepatitis oder "exotische" Krankheiten.
Unverständlich ist, warum es noch keine bundesweite Meldepflicht gibt. Erfahrungen aus Berlin und Brandenburg
(Meldepflicht seit 1997 bzw. 1996) zeigen, daß die nachgewiesenen Infektionen enorm zunehmen, ganz zu schweigen von
der hohen Dunkelziffer der aus Unwissenheit nicht erkannten Erkrankungen.
Die Übertragung von Mensch zu Mensch wird bereits ernsthaft diskutiert. Besonders in der Schwangerschaft besteht die
Gefahr von Totgeburten oder Schädigung des ungeborenen Kindes.
Die Übertragbarkeit der Borreliose durch Insektenstiche (Mücken, Bremsen, Wespen, Flöhe) behaupten Betroffene schon
lange und wird auch von einigen Wissenschaftlern für möglich gehalten (Dr. Neubert, Dermatologe in München). Neuerdings
beschäftigen sich Parasitologen der Uni Bonn mit dieser Frage; dort sind Herbstmilben in Verdacht geraten.
Unzuverlässige und unzureichende Labortests, deren fehlende Standardisierung, aber auch falsche Interpretation von
hochpositiven Befunden, bedeuten meistens für die Betroffenen eine jahrelange Odyssee durch das Gesundheitswesen.
Selbst das Erythema migrans, der einzige sichere Beweis der Infektion, wird von vielen Ärzten - auch von Hautärzten
- häufig nicht sofort behandelt. Die Folgen können jahrelanges Siechtum sein.
Die unglaubliche Symptomvielfalt trägt viel zum Unverständnis über unser Krankheitsbild bei. Das gleichzeitige oder
häufig wechselnde Auftreten der verschiedensten Beschwerden geben nicht nur dem Arzt, sondern auch den Betroffenen
Rätsel auf.
Die Behandlung der Borreliose wird weltweit sehr kontrovers diskutiert. Die hierzulande von einigen Wissenschaftlern
empfohlene Behandlungsdauer und Antibiotika-Dosierung erweist sich immer wieder als unzureichend. Die offiziellen
Empfehlungen aus den USA von Allen Steere u.a. werden bei uns noch weit unterschritten. In Deutschland gibt es bereits
einige wenige Ärzte mit weitaus mehr Erfahrungen und erweiterten Behandlungsempfehlungen, die gute Erfolge erzielen.
Vergleicht man die allseits empfohlenen Behandlungsregime von 2-3 Wochen Antibiotikagabe mit den Erfahrungen aus der
Lues-, Lepra-, Q-Fieber- und Tuberkulose-Behandlung, so kann man sich als Betroffene nur wundern, daß ausgerechnet
ein so trickreiches Bakterium, wie Borrelia burgdorferi, mit einer Kurzzeitantibiose eliminierbar sein soll.
Als meldepflichtige Infektionskrankheit (s. oben) ist die Borreliose zur Behandlung durch Heilpraktiker nicht zugelassen.
Niemand würde wohl ernsthaft eine Syphilis ausschließlich alternativ-medizinisch behandeln. Immununterstützende
orthomolekulare Behandlung mit Vitaminen und Mineralstoffen zusätzlich zur antibiotischen Therapie wird dagegen
von einigen Ärzten erfolgreich praktiziert.
Unsere Krankheit ist nicht nur ein medizinisches Problem, sondern auch ein Politikum. Die viel zu späte und meistens
unzureichende Behandlung, die vielen Fehldiagnosen und Falschbehandlungen treiben die Kosten in die Höhe.
Lange Arbeitsunfähigkeit und frühzeitige Berentung kosten die Volkswirtschaft Milliarden Euro. Ärzte, die sich um
unser Krankheitsbild bemühen, werden bestraft, indem man an sie hohe Regreßforderungen stellt. Es bedarf eines
Bündnisses zwischen Patienten, behandelnden Ärzten und Gesundheitsinstitutionen, um eine rechtzeitige, effektive
und kostengünstige Behandlung zu erreichen.
Von der Bundesregierung erwarten wir gezielte Aufklärungskampagnen über die Gefährlichkeit von Zecken und die von
ihnen übertragenen Krankheiten. Bisher haben diese Aufgaben die Selbsthilfe-Organisationen übernommen, ohne ausreichende
finanzielle Förderung. Zumindest haben sich dadurch in letzter Zeit die Berichte in der Presse stark verbessert.
Angesichts der epidemieartigen Ausbreitung der Borreliose-Erkrankungen und der immer häufiger bekannt werdenden anderen
Vektorübertragenen Infektionen, besteht dringender Handlungsbedarf hinsichtlich der Ausbildung der Ärzte auf dem
Gebiet der Infektiologie. Nicht zuletzt wegen der allgemeinen Klimaerwärmung und der daraus resultierenden Vermehrung
der Insekten u. ä. muß auch in Zukunft mit weiterer Zunahme solcher Krankheiten gerechnet werden.
Unsere zentrale Frage lautet: "Wo gibt es Ärzte, die bereit sind,
sich auf diesem Gebiet zu spezialisieren?" - Es wäre eine lohnende
Aufgabe!
Diese Aussagen beruhen auf intensiven Recherchen in der internationalen wissenschaftlichen Literatur und Berichten
Borreliose-kundiger Ärzte, auf den Schilderungen tausender Borreliose-Kranker und letztendlich meinen eigenen,
inzwischen 10-jährigen Erfahrungen.
© Hanna Priedemuth - September 2002
Besiegt ist nur, wer den Mut verliert.
Sieger ist jeder, der weiterkämpfen will.
Der französische Theologe Franz von Sales, 1567-1622
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