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Bericht über:
VIII. INTERNATIONAL CONFERENCE ON LYME BORRELIOSIS
AND OTHER EMERGING TICK-BORN DISEASES
München, vom 20. bis 24. Juni 1999
Selbsthilfeorganisationen bilden sich in der Regel immer dann, wenn die etablierten Problemlöser keine oder nur
unbefriedigende Lösungen für die Betroffenen anbieten
können. Auf der Abschlußsitzung in München am 24. 6. 99 hat Allen C. Steere aus
Boston, USA, zugegeben, daß - bei ansonsten wirksamer Therapie - in 10% der Fälle
keine befriedigenden Therapieergebnisse erzielt werden können, und daß ihm die
Ursache dafür unbekannt sei.
Bei jährlich 20- bis 80 000 Neuerkrankungen in Deutschland bedeutet dies, daß jedes
Jahr 2- bis 8 000 neue Fälle von chronischer Borreliose dazukommen. Das ist eine alarmierende Situation; in München
war fast nichts darüber zu hören, wie dem abzuhelfen wäre.
Ein Ansatz, der zur Hoffnung Anlaß gibt, kommt wieder aus Norwegen von Brorson & Brorson. Er wurde an nur einem
Tag auf der Rückseite der Galerie in einer Posterpräsentation vorgestellt. Die dazugehörige Originalarbeit ist.
in APMIS 107: 566-576, 1999 erschienen.
Ich hatte in München die Gelegenheit, ausführlich mit Oystein Brorson zu sprechen.
Seine Erkrankung hat ihn in den Rollstuhl gebracht. Er ist deshalb ganz besonders -
neben der wissenschaftlichen Fragestellung - an Lösungen interessiert, die für die
Selbsthilfegruppen wichtig sein können. Ich empfehle deshalb, diese Arbeiten gründlich
zu studieren; sie könnten eines Tages wichtig für uns werden.
Da die etablierten medizinischen Standardmethoden das Problem nicht befriedigend
lösen können (jährl. 2- bis 8 000 neue chronische Fälle), sind alternative Ansätze zur
üblichen Antibiotika-Behandlung von großem Interesse. Obgleich solche Ansätze
existieren, auch teilweise an Universitätsinstituten mit einigem Erfolg studiert und
gefördert werden (Beispiel: HBO - Hyperbare Oxygenation), war darüber in München
nichts zu hören.
Wer die einschlägige Literatur seit Jahren sorgfältig verfolgt hat (... und verstanden hat!), konnte, wie so oft bei
internationalen Tagungen, kaum Neues erfahren. Der Reiz lag in
der Möglichkeit zu persönlichen Gesprächen am Rande der Vorträge. Ich habe die Gelegenheit genutzt, ausführlich mit
Frau Prof. Dagmar Hulinska, Coautorin des Papers
von Phillips, Mattman et. al. aus Infection 1998 zu sprechen.
Dieses Paper, das in den USA große Diskussionen ausgelöst hat und das U. Neubert in seinem Fortbildungsbeitrag
"Borreliose - Therapie 1998" erwähnt, sollte in München als Posterpräsentation vorgestellt werden. Am angekündigten
Ort war nur eine weiße Fläche
zu sehen; niemand stand zur Erläuterung und Diskussion zur Verfügung. Jedem steht es natürlich frei, darüber
zu spekulieren, was sich hinter den Kulissen abgespielt haben
könnte. Phillips war auf einem Regional-Symposium im September in den USA
angekündigt. Vielleicht hören wir etwas davon.
Unter dem Titel "Lyme Borreliosis Seronegativa", der geeignet war, diese
möglicherweise wichtige Arbeit in der Überfülle des Angebots zu übersehen, hat B. P.
Bozsik aus Ungarn in München ein Poster präsentiert, das beansprucht, mit Hilfe eines
patentierten Reagens "Dual Dur" einen mikroskopischen Direktnachweis von Borrelia burgdorferi bei ansonsten
seronegativen Lyme-Patienten zu ermöglichen.
Dies steht in direkter Konkurrenz zur Anzuchtmethode von Phillips et. al und ist, wenn es funktioniert,
vermutlich billiger und schneller. Ich bemühe mich um eine Bewertung von
Ostein Brorson und werde zu gegebener Zeit darüber berichten.
Die Münchner Tagung war, verglichen mit den Preisen, wissenschaftlich schlecht
vorbereitet. Doubletten waren bei Vorträgen und Postern häufig. Übersichtsvorträge, die
den neuesten Stand und die Perspektiven dargestellt hätten, habe ich vermißt. Die
"Keynote lecture" von Willi Burgdorfer, die die Existenz von L-Formen bei Borrelia burgdorferi als "alten Hut"
offiziell bestätigte - übrigens mit wörtlich gleichem Text wie
beim April-Symposium in New York -, fand bis auf zwei Poster im gesamten übrigen
Haupt- und Nebenprogramm keinerlei Erwähnung.
Die Vortragstechnik vieler Autoren war beklagenswert, unlesbare oder mit Text
überfrachtete Dias waren häufig. Zeitüberschreitungen zu Lasten nachfolgender
Sprecher kamen besonders bei US-Vortragenden vor, ohne daß vom Panel eingegriffen worden wäre. Wohltuend klar
und gut wirkten dagegen viele Beiträge aus dem
Pettenkofer Institut. Das Haus befindet sich zur Zeit im Umbruch: der neue Chef soll
nicht das Interesse an Borrelia burgdorferi haben, daß zu vielen interessanten, von der Vorgängerin Frau Prof.
Preac Mursic angeregten Beiträgen geführt hat. Leider habe ich weder Frau Preac Mursic auf der Tagung gesehen,
noch ein würdigendes Wort über ihre Verdienste von ihren reichlich vertretenen früheren Mitabeitern und
Mitautoren gehört.
Erwähnen will ich noch die von den Firmen Baxter - Impfstoffe; Hofmann-La Roche - Antibiotikatherapie; Dade
Behring - konventionelle Labordiagnostik; Grünenthal - Mikrobiologie und Allgemeintherapie gesponserten
Satelite-Symposien.
Hier erinnere ich mich unter anderem an den ganz ausgezeichneten Vortrag von Frau A. Pohl-Koppe, München,
über Pathogenese und Therapie der Lyme-Borreliose bei
Kindern und an den Beitrag aus der Praxis von Frau Prof. Heidelore Hofmann, München,
über Hautmanifestationen dieser Erkrankung. Weniger beeindruckt hat mich der Beitrag
von V. Fingerle aus dem Pettenkofer Institut, der in diesem vom Sponsor Grünenthal vor allem an deutsche,
niedergelassene Ärzte gerichteten Symposium zeitweise in sein schwäbisches Idiom verfiel, was die vielen
anwesenden ausländischen, jedenfalls nicht schwäbischen, Zuhörer bei miserabler Simultanübersetzung kaum
als besonderen Gag empfunden haben werden.
Die beiden Hauptvorträge am Schluß über Lyme-Arthritis und die Behandlung der Lyme-Borreliose wurden von
Prof. G. R. Burmester und seinem Oberarzt A. Krause, beide
Charité, Berlin, bestritten. In diesen beiden Vorträgen, die sich Inhaltlich mit den
Beiträgen aus dem Thieme-Buch "Lyme-Borreliose", herausgegeben von Burmester und Krause, decken, ist die
Welt noch in Ordnung. Schwer behandelbare oder gar
chronifizierte Verläufe wurden, wenn überhaupt vorhanden, als absolute "qualité
negléable" dargestellt. Ich wurde an Palmström (Ringelnatz) erinnert, "...,daß nicht sein
kann, was nicht sein darf:" Einen ähnlichen Tenor hatte Peter Herzer, München, der den Vorsitz hatte.
Mir kam der Gedanke, daß der etwas beschränkte "scope" der Tagung vielleicht auf den Einfluß der Sponsoren
zurückzuführen sein könnte. Es wurden eigentlich nur
Labordiagnostik, Impfungen und Therapien beschrieben, hinter denen Firmen und deren Produktinteressen standen.
Vielleicht erklärt dies das völlige Fehlen alternativer Ansätze. - Freiheit der Wissenschaft?
Man sah in diesem, am Mittwochnachmittag, dem sogenannten "Ärztesonntag", veranstalteten Symposium vor allem
die von der übrigen Tagung bekannten Gesichter.
Die Firma Grünenthal hatte durch ihre Vertreter die niedergelassenen Ärzte des
Münchner Umfelds einladen lassen, für freien Eintritt und ein schönes kaltes Buffet
gesorgt. Ein uns bekannter Züricher Borreliose Arzt, der sich für die Fortbildung über Borreliose bei Laien
und Kollegen große Verdienste erworben hat, hat Bedauern darüber geäußert, daß nur wenige seiner Kollegen
diese Möglichkeit zur Fortbildung genutzt
haben. Denn immer noch liegt ein Hauptproblem bei dieser Erkrankung in fehlerhaften
und zu späten Diagnosen.
Ich habe hier in Hamburg noch Ende Dezember 98 eine Dame kennengelernt, deren
Arzt, Facharzt für Hautkrankheiten, ein Erythema migrans mit Cortisonsalbe behandeln
wollte. Die Dame hatte Glück: ihr Freund war Jäger und hatte das Borreliose-Merkblatt
seiner Jagdgenossenschaft aufmerksam studiert. Er stellte die richtige Diagnose und
sorgte dafür, daß seine Freundin in die Behandlung eines "LLP" (Lyme Literate
Physican) kam. Der wollte anschließend seinen illiteraten Kollegen aufklären und auf die
möglichen Folgen für seine Patientin aufmerksam machen. Letzterer hat es sich
ausdrücklich verbeten. - Noch Fragen?
Aus der Sicht der Selbsthilfegruppen und der von ihnen betreuten Lyme-Patienten,
speziell der mit einer chronischen Erkrankung, war das Ergebnis der Münchner Tagung enttäuschend. Nach
Auskunft der Baseler Firma AKM Congress Service, die die Tagung organisierte, gab es zusammen 686
Teilnehmer, davon 200 aus Deutschland und 140 aus den USA. Der Rest kam aus allen Ländern der Welt:
Lyme-Borreliose ist eine
weltweit verbreitete Krankheit und, was aus den Vorträgen nur mittelbar hervorging, ein
weltweit ungelöstes Problem mit zunehmender Brisanz.
Nach Angaben verschiedener Vortragender variieren die Erkrankungsraten weltweit von
0,3 bis 0,6/100 000 in Irland und Großbritannien bis zu 500/100 000 in bestimmten Endemiegebieten in
Europa und den USA. In bestimmten Ländern Zentraleuropas,
darunter Slowenien, Österreich und Süddeutschland kann man mit über 100/100 000 rechnen. Die Ursachen
sind teilweise unbekannt.
Unverständlich bleibt, warum wir in Deutschland - abgesehen von einigen neuen Bundesländern - keine
allgemeine Meldepflicht für die Lyme-Borreliose haben, im
Gegensatz zu vielen unserer Nachbarn. Prof. Stanek wies zu Recht darauf hin, daß eine allgemeine
Meldepflicht mit den daraus abgeleiteten Zahlen von begrenzter Bedeutung bleibt, solange keine
sicheren und allgemein einheitlich angewendeten
Nachweisverfahren (Stichwort: Goldstandard) zur Verfügung stehen.
Ich kann mich an keinen Vortrag erinnern, in dem vom Leiden der Patienten, ihrem
Schicksal bei vermeidbarer Chronifizierung als Folge einer skandalösen ärztlichen Fortbildungsbereitschaft
auf diesem Gebiet die Rede gewesen wäre. Niemand hat zum Ausdruck gebracht, daß der enorme finanzielle
Aufwand für die Forschung, dem die Tagungsteilnehmer ihre Existenz verdanken, vor allem auf dem Leiden
der chronisch
kranken Lyme-Patienten beruht. Niemand hat von einer Entschädigung für jene
gesprochen, die als Simulanten verdächtigt, schließlich in einer Psychiatrie landeten.
Hans Horst spricht in seinem Buch davon, solange sichere objektivierbare Nachweismethoden fehlten, sollte
man das Prinzip "Im Zweifel für den Angeklagten",
also für den Patienten, anwenden.
Damit schließe ich meinen Bericht und hoffe, meine moralische Verpflichtung als
betroffener Tagungsteilnehmer erfüllt zu haben. Die nächste Borreliose Tagung wird in
drei Jahren, also im Jahre 2002, in New York stattfinden.
Dr. Ing. Dieter Gossel, Hamburg
September 1999
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