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Die neuropsychiatrischen Manifestationen
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Geschichtliches |
Obwohl der erste Bericht eines Zecken-verursachten ECM-Ausschlages aus Wisconsin 1970 stammt (11), erhielt die Lyme-Borreliose erst 1975 die kritische Aufmerksamkeit in den Vereinigten Staaten, als Dr. Allen Steere beschrieb, was wie eine neue Krankheit aussah, nach der Entdeckung eines ungewöhnlich hohen Vorkommens von jugendlichem Gelenkrheumathismus in Old Lyme Connecticut. Diesen Ausbruch benannte er nach der Stadt, in der sie vorkam; er nannte die Krankheit Lyme-Arthritis (12). In den späten 1970ern wurde erkannt, daß die Krankheit systemische Manifestationen einschließlich neurologischer, rheumatologischer, dermatologischer, und kardiologischer Symptomatik hervorruft; die Bezeichnung der Krankheit wurde von Lyme-Arthritis zu Lyme-Erkrankung geändert. 1982 wurde das ansteckende Agens Borrelia burgdorferi identifiziert (4). Bald danach zeigten Berichte, daß die europäische Neuroborreliose durch einen ähnlichen, wenn nicht sogar gleichen Organismus verursacht wurde (13). Seit dem Wissen über den infektiösen Erreger wird bei der Lyme-Erkrankung jetzt von Lyme-Borreliose gesprochen.
Das am besten identifizierbare Frühsymptom der Lyme-Borreliose ist das Erythema migrans (EM), das Tage bis Wochen nach dem Stich erscheinen kann. Der Ausschlag ist ein typischer "bull's eye rash", der sich von seiner Ursprungsstelle ausgehend auf 10cm oder mehr vergrößern kann. Im allgemeinen kann der Patient grippeähnliche Symptome, Müdigkeit und Unwohlsein, Arthralgien, Myalgien (Rückenschmerzen, Nackensteife), Fieber und Kopfschmerzen bekommen. Diese Symptome können jedoch mild und deshalb unbemerkt ausfallen.
Der Patient kann bis zu Wochen oder Monaten keine Symptome nach dem ursprünglichen Zeckenbiß bemerken, während das Spätstadium der Infektion bereits eingesetzt hat. Solche Spätstadien-Symptome schließen neurologische, arthritische, ophthalmologische, psychiatrische, dermatologische und/oder kardiologische Symptome ein. Sofern sie unbehandelt bleiben, können die Symptome Monate und Jahre andauern und von spontanen Verbesserungen aber auch Rückfällen gekennzeichnet sein. Etwa 15 Prozent der infizierten Patienten entwickeln objektive neurologische Anomalien und zeigen im allgemeinen einen Teil der Triade von aseptischer Meningitis, kranialer Neuritis und motorischer oder sensorischer Radikulitis. Die aseptische Meningitis kann mit wiederkehrenden Kopfschmerzattacken, Nackensteife, Photophobie, Übelkeit und Erbrechen beginnen. Die Stärke der Kopfschmerzen kann von mild bis zu sehr stark schwanken. Liquor-Auffälligkeiten können eine Pleozytose oder Lymphozytose, eine Zunahme im Syntheserate, ein erhöhtes Liquor-Eiweiß und oligoklonale Immunglobuline einschließen. Der Öffnungsdruck ist möglicherweise nicht erhöht (15). Eine craniale Neuritis, wie z.B. die Fazialisparese, kann ein- oder beidseitig sein und kann bei 5-10% der Patienten mit Neuroborreliose beobachtet werden (16). Andere Hirnnerven können auch mit beeinträchtigt sein, besonders der III., IV. und VI. Hirnnerv. Die radikulopathischen Syndrome können ein- oder beidseitig sein, mit einer Prädominanz der motorischen über sensorische Symptome. Die am häufigsten beteiligten Dermatome, sind das fünfte zervikale Dermatom und T8 bis T12 (14). Formale Schmerztests können verringert sein oder fehlende Schmerzcharakteristiken im betroffenen Dermatom zeigen. In Europa ist das Syndrom von Meningitis und Radikulitis als Bannwarth- Syndrom bekannt.
Das häufigste kardiale Problem ist ein atrioventrikulärer Block (zweiten oder dritten Grades) (17). Andere Herzprobleme können akute Myopericarditis, linksventrikuläre Funktionsstörung und Kardiomegalie einschließen. Obwohl die meisten Herz- Symptome dazu tendieren, kurzfristig aufzutreten bei einer Dauer von 3 Tagen bis zu 6 Wochen und selten zu bleibenden Funktionsstörungen führen, lassen zunehmende Anhaltspunkte vermuten, daß die Lyme-Karditis von längerer Dauer sein und vielleicht zu bleibender Herzschädigung führen kann. (18).
Später in der disseminierten Phase der Erkrankung können Patienten arthritische, andere neurologische, ophthalmologische und dermatologische Symptome entwickeln. Der zeitliche Ablauf kann variabel sein und kann innerhalb einiger Wochen mit den frühen Symptomen oder erst nach einer Latenz von mehreren Jahren auftreten. Die arthritischen Symptome können als wandernde muskuloskeletale Unbehaglichkeit beginnen (ähnlich der Fibromyalgie). Bei 60% der unbehandelten Patienten entwickelt sich eine entzündliche Arthritis die typischerweise die großen Gelenke, wie z.B. das Knie beeinträchtigt. Hieraus entwickelt ein kleiner Teil der Patienten mit Arthritis eine chronische Synovitis. Arthritische Attacken, die Tage bis Wochen dauern, können sich über mehrere Jahre wiederholen. Ophthalmologische Manifestationen im Frühstadium können eine Bindehautentzündung, Iritis und Uveitis einschließen, während im Spätstadium der Krankheit Sehnerventzündung und Sehnervatrophie vorkommen können (4). Das späte dermatologische Kennzeichen, bekannt als Acrodermatitis chronica atrophicans (ACA), ist in Europa häufiger als in den Vereinigten Staaten (13).
Die späten neurologischen Symptome bestehen hauptsächlich aus einer leichten bis schweren Enzephalopathie, einer Polyneuropathie und tiefgreifender Müdigkeit. Diese Enzephalopathie, von der angenommen wird, daß sie bei 9 von 10 Patienten mit chronischer Neuroborreliose vorkommt, ist oft charakterisiert von subtilen Störungen der Stimmung, des Gedächtnisses und des Schlafes (2). Es ist in der Regel keine subakute Enzephalopathie, so daß es für den Psychiater die größte diagnostische Herausforderung sein kann, denn diese Patienten können reizbar, traurig, deprimiert sein und verminderte Konzentration und schlechten Schlaf aufweisen. Ein diagnostischer Hinweis auf die Lyme-Borreliose als Ursache der Depression und Reizbarkeit könnten begleitende Gedächtnisverluste und Wortfindungsprobleme sein oder eine begleitende Polyneuropathie. Die Polyneuropathien, oft nachweisbar in elektrophysiologischen Tests, schließen spinale oder radikuläre Schmerzen, Parästhesien, sensorische Defizite und/oder Schwäche im unteren motorischen Neuron ein.
Eine neuere Studie (2) zeigt, daß chronische neurologische Anomalien irgendwann in der Zeit von 1 Monat bis 14 Jahre nach der Infektion entstehen können. Wie die Syphilis kann auch die Lyme-Borreliose eine lange Zeitperiode latent und asymptomatisch bleiben. Patienten können chronische, neurologische Symptome für mehr als ein Jahr haben; einige Patienten leiden 10 Jahre oder mehr, obwohl sie eine antibiotische Therapie bekommen hatten.
Die kognitiven Beeinträchtigungen unter Patienten mit später Lyme-Borreliose können mild sein. Einige Patienten können anfängliche Anomalien bei neuropsychologischen Tests aufzeigen, während andere wiederum unauffällig sind. (2,19). Neuropsychologische Testserien vor und nach antibiotischer Therapie können eine signifikante Verbesserung nach einer Behandlung aufzeigen. In einer Studie (19), wurden Verbesserungen bei Gedächtnistests (California Verbal Learning Test, Wechsler Memory Scale), Aufmerksamkeit und Konzentration (Symbol Digit Modalities), begriffliche Fähigkeit (Booklet Categories Test), und psychomotorische und wahrnehmungsmäßige motorische Funktion (Block Design Subtest of the WAIS and Purdue Pegboard) festgestellt. Anfängliche Punktzahlen innerhalb des Normalbereiches bei einigen dieser Test (eg. Wechsler Memory Scale), verbesserten sich aber nichtsdestoweniger durch eine Behandlung. Dieses zeigt, daß einige Patienten mit subjektivem Gedächtnisverlust, der sich in anfänglichen neuropsychologischen Tests nicht offenbarte, trotzdem von der antibiotischen Therapie profitieren können. Beachtenswert ist, daß einige Patienten mit kognitiven Defiziten, keinen klinischen Beweis einer fokalen ZNS-Krankheit haben. EEGs, Liquor- Untersuchungen und die meisten anderen Laboruntersuchungen waren oft normal. Kernspinaufnahmen (MRT) waren bei vielen der Patienten auffällig, die unter moderaten bis starken Gedächtnis-Beeinträchtigungen litten. Die MRT-Anomalien, die von jenen nicht unterscheidbar sein können, die unter Patienten mit Multipler Sklerose gesehen werden, zeigten Ödeme oder Entzündungen, die vermuten lassen, daß die Lyme-Borreliose-Patienten vielleicht an einer milden entzündlichen Enzephalomyelitis leiden. Abschließend sollte bemerkt werden, daß einige Patienten sogar nach intravenöser antibiotischer Behandlung fortgesetzte Gedächtnisstörungen hatten, die mittels neuro-psychologischer Tests nachweisbar waren (Selective Reminding Test) (20).
Der Verlauf und die Schwere der Krankheit kann variieren. In den meisten Fällen ist die Lyme-Borreliose, wenn sie früh behandelt wurde, eine vorübergehende Erkrankung mit milden Symptomen und keinen langfristigen Folgen. Bei einem kleineren Teil der Patienten kann der Verlauf chronisch und schwerwiegend sein. Kasuistiken haben eine Vielfalt von neurologischen Syndromen mit der späten Lyme-Borreliose assoziiert, einschließlich Blindheit (21), progressive Demyelinisierungs-Syndrome (ähnlich der Multiplen Sklerose ) (2) oder Amyotrophe Lateralsklerose (22), Guillian-Barré- Syndrom (23), progressive Demenz (24), Panik-Attacken (25), Schlaganfall (26), und extrapyramidale Störungen (27). Enzephalomyelitis kann von Borrelia burgdorferi verursacht werden und kann durch eine spastische Paraparese, Ataxie, kognitive Beeinträchtigung, Blasenfunktionsstörungen und kraniale Neuropathie charakterisiert sein (28). Schließlich, obwohl die transplazentare Übertragung von Borrelia burgdorferi vorkommt, aber selten zur fetalen Schädigung führt, ist neonataler Tod mit Lyme- Borreliose in Zusammenhang gebracht worden, was durch eine positive Kultur der frontalen Hirnrinden-Biopsie begründet wird (29).
Labor-Tests |
Der Western-Blot wird oft benutzt, um positive Ergebnisse von einem ELISA oder IFT zu bestätigen, obwohl diese auch fälschlicherweise negativ oder fälschlicherweise positiv sein können. Wenn der Verdacht auf Meningopolyneuritis oder Enzephalomyelitis besteht, sollte versucht werden intrathekale Antikörper zu bestimmen. Der Liquor kann eine mononukleäre Pleozytose und/oder einen hohen Liquor-IgG oder -IgM für Borrelia burgdorferi aufweisen. CT und MRT-Auffälligkeiten können bei Fällen von Enzephalitis vorkommen, sowie ein verlangsamtes EEG und epileptische Entladungen. Aber wie vorher beschrieben, werden nicht immer serologische und andere objektive Anomalien gefunden. Silberfärbung ist zum Entdecken von Spirochäten in Geweben eingesetzt worden, aber der Erfolg ist mäßig. Die PCR (31), welche eine für die Lyme-Borreliose spezifische Ziel DNA-Sequenz verstärkt, versprach ein empfindsames und potentiell spezifisches Mittel für die Identifizierung von Borrelia burgdorferi zu sein. Die kommerzielle Nützlichkeit dieser Untersuchung ergab aber markante Schwierigkeiten, Verunreinigung zu vermeiden, welche falsch positive Spuren bei der Bestimmung verursacht.
Zu Beginn der Krankheit den Patienten gegebene Antibiotika helfen, später Hauptkomplikationen zu vermeiden, obwohl ein unbekannter Prozentsatz von früh behandelten Patienten späte Komplikationen entwickelt. Es wird jetzt vermutet, daß ein Rückfall von den verbleibenden Spirochäten kommt (2,42). Obwohl die meisten Patienten wirklich durch die Behandlung eine Verbesserung erreichen, kann eine Untergruppe von Patienten mit später Lyme-Borreliose nach einer intravenösen Antibiotikatherapie keine Verbesserung erzielen (2).
1930 wurde ein Patient beschrieben, der drei Monate nach einem ECM eine Enzephalitis mit psychotischen Symptomen entwickelte und Liquor-Veränderungen aufwies(34). Vor kurzem wurde ein Patient mit Lyme-Borreliose beschrieben, dessen klinisches Bild von einer endogenen Schizophrenie nicht zu unterscheiden war (35). Die Paranoia und Halluzinationen des Patienten vergingen nach einer Woche antibiotischer Behandlung mit Ceftriaxon, später aber zeigte der Patient ein mildes hirnorganisches Syndrom.
In Europa haben zwei neue Berichte dargelegt, daß psychiatrische Symptome eine vorherrschende Eigenschaft der Lyme-Borreliose sein können, einschließlich agitierender Depression und Psychosen (36,37). Kohler beschrieb ein Staging von psychiatrischen Symptomen, welche parallel mit den neurologischen Symptomen auftraten. Im Stadium I können Fibromyalgie, schmerzhafte Muskelfasziculationen und milde Depression das klinische Bild beherrschen. Im Stadium II kann eine lymphozytäre Meningopolyneuritis einhergehen mit einer organischen psychiatrischen Erkrankung, wie ein organisches affectives Syndrom oder ein organisches Persönlichkeits-Syndrom. Im Stadium III können chronische Enzephalitiden und Myelitiden durch schwere psychiatrische Syndrome, wie organische Psychosen, Demenzen und Anorexia nervosa, begleitet werden. Dieses Staging beruhte auf klinischer Beobachtung und nicht auf systematischen Studien.
In den Vereinigten Staaten präsentierte Pachner (38) zwei Patienten, deren Symptome in hohem Maße psychiatrisch waren. Ein 12-jähriger Junge mit bestätigter Lyme- Arthritis, anschließend behandelt mit oralen Antibiotika, wurde depressiv und anorectisch. Nach Überweisung in ein psychiatrisches Krankenhaus mit der Diagnose der Anorexia nervosa wurde festgestellt, daß er positive serologische Tests für Borrelia burgdorferi hatte. Eine 14-tägige Behandlung mit intravenösen Antibiotika führte zum Verschwinden seiner Depression und Anorexie; diese Verbesserung wurde gestützt durch eine 3-jährige Beobachtung. Ein 21-jähriger Mann, seropositiv für Borrelia burgdorferi, entwickelte progressive Konfusion, Agitation, Verwirrung, unpassendes Gelächter und Gewaltausbrüche. Eine Temporal-Lappen-Biopsie offenbarte Spirochäten. Eine Behandlung mit i.v. Penicillin erbrachte eine Rückkehr zur Normalität innerhalb von 3 Monaten.
In einer US-amerikanischen Studie von 27 Patienten mit später Neuroborreliose waren 33 %, anhand ihrer Punkte des Minnesota Multiphasic Personality Inventory (2) depressiv. 89 % dieser 27 Patienten hatten auch Hinweise auf eine milde Enzephalopathie, charakterisiert durch Gedächtnisverlust (81 %), übermäßige Tagesschläfrigkeit (30 %), äußerste Reizbarkeit (26 %), und Wortfindungs- schwierigkeiten (19 %). Kontrollierte Studien zeigen signifikant mehr Depressionen unter Patienten mit später Lyme-Borreliose, als unter normalen Kontrollpersonen (20) und anderen chronisch kranken Patienten (39).
Zu Schwierigkeiten mit der richtigen Diagnose kommt es durch die Tatsache, daß viele der vorherrschenden Symptome der Lyme-Borreliose sich mit Depressionen, Reizbarkeit, Müdigkeit, emotionaler Labilität, schlechtem Konzentrationsvermögen, Gedächtnisproblemen und Schlafstörungen (2) überschneiden. Ein Ausschluß der Lyme-Borreliose als Grund für ein Vorliegen dieser Depressions-Symptome kann schwierig sein, weil zur Zeit vorhandene serologische Tests unzulänglich sind, ein Drittel aller Patienten sich nicht an eine Hautrötung oder einen Zeckenstich erinnert und eine lange Ruhephase den späten Symptomen vorangehen kann. Selbst wenn die Diagnose der Lyme-Borreliose klar ist, ist die optimale Behandlung dieser Depressions-Symptome unsicher, weil bei vielen Patienten die Symptome sogar nach der Standarddauer von 3 Wochen Antibiotika verbleiben. Psychiater haben zur Zeit keine Richtlinien, wie man diese Patienten behandelt. Während einige Ärzte finden, daß Depressions-Symptome im Kontext der Lyme-Borreliose Beweise der kontinuierlichen verbreiteten Infektion sind, glauben andere, daß diese eine sekundäre emotionale Antwort auf eine ernste Krankheit sind. Wenn das erste wahr ist, würde eine angebrachte Behandlung aus weiteren Antibiotika bestehen, während bei letzterem, eine Psychotherapie bzw. antidepressive Therapie die Behandlung der Wahl sein würde. Verzögerte zusätzliche antibiotische Behandlung aufgrund einer falschen Einschätzung des Krankheitsprozesses kann einer akuten Krankheit ermöglichen, sich in eine chronische zu entwickeln (2).
Schließlich sind weitere systematische Studien zwingend erforderlich, um die Prävalenz und Pathophysiologie von psychiatrischen Problemen bei Patienten mit Lyme-Borreliose besser zu verstehen und eine optimale Behandlung zu entwickeln. Bei kritischer Durchsicht der Literatur zeigt sich, daß Störungen der Stimmung, des Gedächtnisses und des Schlafes vorherrschende Eigenschaften dieser Krankheit sind. Ob Borrelia burgdorferi auch psychotische Erkrankungen und Eßstörungen verursacht ist noch eine offene Frage.
Von der Neurosyphilis, auch durch eine Spirochäte verursacht, ist der Zusammenhang mit Gedächtnisproblemen, Depressionen, Manien, Psychosen und Persönlichkeits- veränderungen, wie z.B. Reizbarkeit, emotionaler Labilität und Apathie bekannt (40). In Anbetracht der bemerkenswerten Ähnlichkeiten zwischen Syphilis und der Lyme- Borreliose ist es wahrscheinlich, daß die ganze Anzahl der bei der Neurosyphilis vorkommenden psychiatrischen Symptome auch bald als Eigenschaften der Lyme-Borreliose anerkannt werden.
Der Zweck dieses Teiles ist, die Kliniker besser mit einigen der typischen, oft bizarren neuropsychiatrischen Symptome bekanntzumachen, die bei der Spätborreliose auftreten können, sowie mit einigen der psychologischen Belastungen, die bestimmte Aspekte dieser Krankheit und ihrer Behandlung den Patienten und ihren Familien auferlegen. Psychiater sollten bei diesen klinischen Aspekten der Krankheit aufmerksam sein, um nicht die Diagnose einer Borreliose bei Patienten zu übersehen, die sich mit hauptsächlich psychiatrischen Beschwerden vorstellen und um Patienten mit einer bekannten Erkrankung eine wirksamere Hilfe zu leisten. Dementsprechend ist dieser Teil beschreibender Art; er beruht auf klinischen Interviews mit erwachsenen Patienten und mit Kindern, ihren Familien, sowie schriftlichen Schilderungen von fast 200 seropositiven Patienten die einen Fragebogen hinsichtlich neuropsychiatrischer Symptome beantwortet haben. Es werden Symptom-Häufigkeit aus einer initialen Stichprobe von 85 seropositiven Patienten mit klinischen Symptomen einer Spätborreliose präsentiert. Eine komplette Beschreibung dieser Fragebögen und dessen ausführliche Ergebnisse werden an anderer Stelle veröffentlicht. Die Häufigkeiten sollten nicht als generell repräsentativ für Borreliosepatienten betrachtet werden, sondern eher als eine Untergruppe mit schwerer, langbestehender und/oder chronischer Krankheit.
PHÄNOMENOLOGIE |
Auch die Gedächtnisprobleme können sanft oder sehr stark sein. Eine Frau aus unserem Probanden-Kollektiv zum Beispiel, die 20 Jahre in der Telefonvermittlung tätig war, berichtete, daß sie plötzlich unfähig war, sich zu erinnern, wie die Anrufe zu vermitteln sind. Im Fall dieser Frau lösten sich die Gedächtnisprobleme vollständig durch die folgende antibiotische Behandlung auf.
Die Differentialdiagnose zwischen Müdigkeit und Gedächtnisproblemen wegen aktiver Borrelien-Infektion gegenüber anderen Störungen, wie funktioneller Depression oder chronischem Erschöpfungssyndrom, ist sehr wichtig. Patienten mit aktiver Borrelien- Infektion, welche markante Müdigkeit und Gedächtnisprobleme haben, können gut auf antibiotische Behandlung ansprechen, wogegen für Patienten mit diesen nicht durch Borreliose verursachten Syndromen eine solche Behandlung nutzlos wäre. Ein Zeckenstich in der Vorgeschichte, positive Serologie, Erythema migrans und andere assoziierte neurologische oder arthritische Symptome können für den Kliniker ein Hinweis zur Diagnose einer Borreliose sein. Wenn die Borreliose diagnostiziert worden ist und der Patient noch persistierende Beschwerden hat, trotz vorausgehender "adäquater" Antibiotikatherapie, empfehlen einige Kliniker keine weitere antibiotische Behandlung (basierend auf der post-infektiösen Autoimmun-Hypothese), während andere eine fortgesetzte Behandlung empfehlen, bis alle Symptome beseitigt sind (basierend auf der persistierenden, verkapselnden Infektions-Hypothese). Bei der Therapiebeurteilung kann es Schwierigkeiten bereiten, beides zu unterscheiden, weil Schwankungen in der Symptomatologie gerade bei der unbehandelten Borreliose vorkommen und weil die klinische Reaktion bei wirksamer antibiotischer Behandlung in einigen Fällen erst verzögert auftreten kann.
Andere entwickelten Übelkeit, als Antwort auf flackernde, fluoreszierende Lichter, Fernseher oder Computerbildschirme, Stroboskoplichter während des EEG-Tests oder bewegende Autoscheinwerfer auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Die Hyper-sensitivität auf Licht kann sehr behindernd oder auch lediglich unbequem sein. Es kann das Fahren bei Nacht oder den Aufenthalt im Freien während des Tages unmöglich machen. Es kann bewirken, daß sich normale routinemäßige oder sogar vergnügliche Aktivitäten als schädlich darstellen.
Extreme Reizbarkeit und/oder emotionale Labilität. |
Solche Wechselhaftigkeiten stellen ein besonderes Problem bei Kindern dar, welche Schwankungen in den kognitiven Beeinträchtigungen erfahren können: vermindertes Kurzzeitgedächtnis, Wortfindungsstörungen, Legasthenie, Rechenprobleme oder Konzentrationsmangel. Die Schulsysteme sind im großen und ganzen hinsichtlich der kognitiven Aspekte der Spätborreliose ahnungslos, insbesondere bei einem Verlauf, in dem kognitive Beeinträchtigungen von Tag zu Tag bei einem bestimmten Kind schwanken können. Lehrer könnten annehmen, daß das Kind gerade launisch oder unkooperativ ist.
Die Familiendynamiken können auch durch konfuse Erwartungen des kranken Mitgliedes kompliziert werden und es kann sich Ärger aufbauen, wenn der funktionelle Status einer Person, in Stimmung und Fähigkeit, am familiärem Leben teilzunehmen, unerklärlich und unberechenbar scheint. Patienten und Familienmitglieder finden es in gleicher Weise schwierig, ihre Hoffnungen, getragen durch eine vorübergehende klinische Verbesserung, immer wieder durch Rückfälle mit entkräftenden Symptomen, zu begraben. Auch mit Behandlung ist die Genesung von der Spätborreliose meist ein langer Prozeß, der signifikante Schwankungen in den Symptomen sogar im Kontext der gesamten Besserung mit sich bringt
Diese Herxheimer-Reaktion kann als ein Verschlechtern von psychiatrischen Symptomen in Erscheinung treten: Einige der Patienten in unserem Beispiel bekamen Panikattacken erstmals und ausschließlich zu Beginn der Antibiotika-Behandlung. Andere haben eine Steigerung von depressiven Symptomen, Suizidalität oder Angst-zuständen berichtet. Viele berichteten von erschreckend zunehmenden Reaktionen und Photophobie während der ersten paar Tage der antibiotischen Behandlung.
Wie kann ein Psychiater behilflich sein? |
Bei Patienten, welche sich einem Psychiater mit einer bekannten Diagnose der Lyme-Borreliose vorstellen, können einige Beschwerden, wie Reizbarkeit, Depression mit Schlafstörungen oder Überempfindlichkeit auf Sinnesreize direkt mit dem Krankheitsprozeß zusammenhängen. Andere Probleme, wie deprimierte Stimmung, das Gefühl von Unzulänglichkeit, Bitterkeit oder Schuld, können sekundäre Wirkungen einer schweren chronischen Krankheit sein. Solche Probleme können durch Änderungen im Funktionsstatus, Verlust von gesellschaftlichen Beziehungen oder problematische familiäre Dynamiken ausgelöst sein, die von der Krankheit beschleunigt werden. Der Psychiater kann Patienten helfen, diese Probleme anzusprechen, zum Beispiel durch einen Prozeß von Trauer und Akzeptanz, durch kognitive Neuorientierung oder berufliche Veränderung und eine Neuverteilung familiärer Verantwortungen. Psychopharmaka können als ein Zusatz zur ärztlichen Behandlungen bei Borreliose hilfreich sein. Im allgemeinen werden angstlösende Medikamente, niedrig dosierte Antidepressiva bei Schmerzen und Schlafstörungen und höher dosierte Antidepressiva gegen starke Depression verwendet. In Anbetracht dessen, daß Borreliose Reizleitungsstörungen verursachen kann, es ist von besonderer Wichtigkeit, ein EKG vor dem Beginn der Behandlung mit trizyklischen Antidepressiva zu erstellen. Wenn Patienten an Reizbarkeit leiden, die mit einer sensorischen Hyperakusis, wie vorher beschrieben, zusammenhängt, kann es nützlich sein, solchen Patienten zu helfen, die Auslöser zu identifizieren und wenn möglich zu vermeiden. Es kann auch ganz hilfreich sein, gerade Patienten und/oder Familien-mitgliedern zu erklären, daß solche Reizbarkeit und die daraus resultierenden Verhaltensänderungen, eine tatsächlich Auswirkung der Krankheit sein können.
Ein Mann entwickelte eine äußerste Reizbarkeit hinsichtlich auditorischer Hyperakusis. Seine Frau hatte gedacht: "Dies ist nicht der Mann, den ich geheiratet habe". Sie zweifelte daran, daß sie weiterhin mit ihm leben könne, falls diese Persönlichkeits-veränderung anhalten würde. Sogar nachdem er behandelt worden war und zum Normalen zurückgekehrt war, blieben sowohl der Ehemann als auch die Frau beunruhigt, bis sie eine Erklärung für diese Veränderung fanden: daß es mit einer Krankheit zu tun hatte und nicht eine unerklärbare, unlösbare neu aufgetretene Eigenschaft des Mannes selbst war.
Familientherapie kann besonders dort angezeigt sein, wo ein krankes Kind betroffen ist. Geschwister können sich betrogen fühlen wegen eines verhältnismäßigen Aufmerksamkeits-Mangels, während das kranke Kind seine Geschwister um Fähigkeiten und den Mangel an physischem Leiden beneiden könnte.
Ehepaar-Therapie kann in einigen Fällen angezeigt sein. Die meisten Patienten berichten von einem signifikanten Libidoverlust. Dies kann zu Frustration, Entfremdung und Ärger über den Gatten führen und kann in einigen Fällen für diese Ehepaare Schwierigkeiten bereiten, Intimität beizubehalten. Es kann ein diffuser Sinnesverlust auf beiden Seiten auftreten, der verdrängt und als Ärger oder Unmut über den Gatten erlebt wird. Schutz, der den Partnern oft durch den größten Teil ihrer Ehe gut gedient hat, wird vielleicht von den vielfältigen Änderungen überwältigt, die diese Krankheit erzeugt. Ehepaare können Hilfe gebrauchen, um alternative Strategien zur Bewältigung und gegenseitiger Beeinflussung zu finden.
Viele Patienten haben sich durch ihre Ärzte verlassen gefühlt, während die Diagnose unsicher war oder die Behandlung keine völlige Heilung brachte. Andere hatten erst viele verschiedene Ärzte konsultiert, bevor einer fähig war, die Vielfalt ihrer Symptome zusammenzusetzen und die Diagnose zu stellen. Mehrere Patienten haben gesagt, daß die schlimmste Sache, die zu ertragen war - sogar schlimmer als der Schmerz und Behinderung - das Gefühl war, daß sie sich irgendwie unerklärlich veränderten, in ihren Emotionen und Persönlichkeiten und der Funktionsfähigkeit, ohne jede Hoffnung auf das Finden einer Ursache oder eines Heilmittels und ohne einen Arzt, der ihre Probleme anerkennen würde und ob er/sie diese lösen könnte oder nicht. Für einige Patienten waren die Zweideutigkeiten, die Diagnose und Behandlung und das daraus folgende Gefühl von Verlassenheit durch die medizinischen Experten mitunter die erschreckendsten Aspekte der Krankheitserfahrung. Der Psychiater kann durch eine respektvolle Unterstützung solchen Patienten helfen: durch Zuhören und durch Aufklärung über ihre Chancen.
Die Lyme-Borreliose wird der "neue große Imitator" genannt und sie kann psychiatrische Störungen imitieren, nicht geringer als die medizinischen. Psychiater, die in endemischen Gebieten arbeiten, sind gut beraten, an die Lyme-Borreliose als Teil ihrer Differentialdiagnosen für einen großen Bereich von Störungen zu denken, einschließlich Panikattacken, Somatisierungsstörungen, Depressionen und Demenz, besonders in den untypischen Fällen, die ansonsten auf eine Systemerkrankung hindeuten. Es sollte auch berücksichtigt werden, daß neue klinische Manifestationen der Borreliose erst noch entdeckt und beschrieben werden. In Fällen bekannter Borreliose ist es für Psychiater wichtig, einen umfassenden Ansatz zur Behandlung zu entwickeln, da die Krankheit so viele bedeutende Aspekte des Patientenlebens - physisch, emotional, kognitiv, familiär, sexuell, gesellschaftlich und beruflich - beeinflussen kann.
Übersetzung Dietmar Seifert und SHV Berlin-Brandenburg
Bearbeitung Hanna Priedemuth - Februar 2003
Übersetzung ohne Gewähr; massgebend für den Inhalt ist das englische Original.
Englisches Orginal unter: http://www2.lymenet.org