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Jahresversammlung und 1. Symposium der "Borreliose-Gesellschaft e.V."
in Jena
von Dr. Andreas Püttmann
Mißstände bei der fortgeschrittenen Lyme-Borreliose
Wer sich an diesem ungemütlichen Eis- und Schneewochenende nach Jena aufgemacht hatte, der kam zweifellos hoch motiviert
zum ersten Symposium der 2004 gegründeten "Borreliose-Gesellschaft e.V." (BG). Bei vielen war diese Motivation der eigene
Leidensdruck als Borreliosekranker oder bürokratisch und finanziell drangsalierter Arzt, bei anderen eher
wissenschaftliches oder gesundheitspolitisches Interesse, vielleicht bewog im Einzelfall auch das Kalkül einer
Marketingchance bei der wachsenden Klientel betroffener Patienten und Therapeuten zur Teilnahme. Jedenfalls waren
die rund 50 Teilnehmer - mehrheitlich Mediziner, darunter Mitglieder der Bundesvereinigung Borreliose behandelner
Ärzte (BBÄ) - ein interdisziplinärer Kreis mit zum Teil recht bekannten und markanten Persönlichkeiten.
Verbindendes Motto der aus der Not geborenen Avantgarde-Truppe: "Die Einzelkämpfer unterliegen immer der Meute".
Und Kampf ist für Ärzte wie Patienten mit persistierender Lyme-Borreliose (LB) das tägliche Brot.
Der Vorsitzende, Mathematikprofessor Dr. Hartmut Prautzsch (Waldbronn), definierte Sinn und Zweck der Neugründung durch
den diagnostischen, therapeutischen und sozialmedizinischen Mißstand bei der "fortgeschrittenen Lyme-Borreliose",
welche durch die kurz zuvor ins Rampenlicht getretene HIV-Problematik als Forschungsgegenstand und Gefährdung der
Volksgesundheit verdrängt worden sei: "Niemand kümmert sich um die Leute nach der Standard-Antibiose", die oft keine
Heilung oder auch nur nachhaltige Besserung der Beschwerden bewirke, abgesehen von den Selbsthilfegruppen (was die
BG nicht sein will) und den wenigen Schwerpunktpraxen mit chronischen Kapazitäts-, Legitimations- und Budgetproblemen.
Die meisten Ärzte seien von dieser "Krankheit mit den hundert Gesichtern" offenkundig überfordert. So landen die
Patienten nach einer Praxis- und Klinik-Odyssee schließlich oft in der "Psycho-Ecke" - ohne dass ambulante
Psy-chotherapien oder aufwendige psychosomatische und balneo-physikalische Rehamaßnahmen das Problem an der
Wurzel packten und zu lösen vermöchten. Dass ein anwesender Chefarzt trotz der bekanntermaßen häufigen und
verhängnisvollen psychologisierenden Fehldiagnosen später den Kalauer von der "Borrelioseneurose statt
Neuroborreliose" strapazierte, rief in diesem Kreis eher Befremden hervor.
In der Ärztesitzung am Samstagvormittag lieferte der stellvertretende Vorsitzende Dr. med. vet. Rolf Hänselmann
(Droyßig) zunächst einen eindrucksvollen Fallbericht - seinen eigenen. Der Leidensweg eines über jeden Verdacht
selbstbespiegelnder Wehleidigkeit erhabenen, bis dato kerngesunden "Pferdedoktors" sollte der anschließenden Diskussion
wohl die nötige Erdung und Ausrichtung auf das Wesentliche geben: das Patientenschicksal. Gleichwohl hob die
anschließende "allgemeine Diskussion" schon bald auf die konkurrierenden Theorien über die Ursachen der Therapieversager
in den Stadien II und III ab, wobei jeder medizinische Experte seine Steckenpferde ritt.
Wie Borrelien pathogen wirken - widerstreitende Deutungen
Für den Pforzheimer Internisten Dr. Wolfgang Klemann ist "die fortgeschrittene Lyme-Borreliose mit Tabletten nicht
zu beherrschen"; er empfiehlt, neben den gängigen Cephalosporinen auch eine intravenöse Gabe von Clarithromycin
oder Doxycyclin - evt. kombiniert mit oralem Tetracyclin - in Erwägung zu ziehen. Dadurch würden übrigens auch
die häufigen Koinfektionen mit Chlamy-dien besser bekämpft. Sein Ansbacher Fachkollege Professor Dr. Frank Hartmann
beurteilt Ceftri-axon als unzureichend zellgängig und sieht hierfür Roxithromycin (in der Kombination mit TMP als
"Gasser-Therapie") sowie Metrodinazol als geeigneter an. Er bekräftigte seine bekannte Deutung der Borreliose als
einer Neurotoxin-Erkrankung. Wenn der Erreger durch Gifte pathogen wirke, deren Aminosäurefrequenz übrigens
längst bekannt sei, müsse der Schwerpunkt der Therapie neben der Antibiose auf der Ausleitung dieser Toxine
liegen, welche die Informationsübermittlung zwischen den Nervenzellen störten. Entsprechende Studien mit
Cholestyramin seien mit einer Besserung von rund 80 Prozent der behandelten Patienten ermutigend verlaufen.
Der Pathologe Professor Dr. Johannes Roßner (Nürnberg) nannte die hiermit bewirkte Bindung von Gallensäuren
im Darm dagegen "möglicherweise fatal". Er bestritt auch, dass Borrelien überhaupt - wie Chla-mydien und
Rickettsien - intrazellulär wirkten. Eine Borrelie sei dreimal größer als Trepomena und könne durch eigene
Muskeln überall in den Körper wandern; die Versuche der größten Abwehrzellen, der Makrophagen, diese
Riesen-Spirochäten zu vertilgen, glichen dem Versuch, "eine Bratwurst in einem Brötchen verschwinden
zu lassen".
Das Beispiel der Syphilis lenkte die Diskussion auf die Schlüsselrolle des Immunsystems: Dass viele Borrelien-Infizierte
nicht erkrankten, könne bedeuten, dass Borrelia Burgdorferi kein obliga-tes Pathogen sei und erst in Verbindung mit
einer bestimmten Immunkonstellation (Th1/Th2) eine systemische entzündliche Erkrankung hervorrufe. Auch die Lues
wirke zerstörerisch durch die Immunantwort. Hinzu komme, dass Borreliosekranke weitere Infektionen (etwa EBV, CMV,
HHV 6 u.a.) geradezu anzögen und dass das "Anschießen mit zu geringen Dosen" kontraproduktiv wirken könne "wie
im Stierkampf: Nach dem Rückzug folgt eine wütende neue Attacke" (Roßner). Der Malaria-Experte Professor Dr. Dr.
Ernst Fink, Beiratsmitglied und Moderator des Symposiums, brachte eine - bei der heutigen Kassenlage wohl zu
kostenintensive - Gentypisierung bei Therapieversagern sowie Blutspiegelkontrollen bei Antibiosen ins Gespräch.
Aufgrund der starken Eiweißbindung etwa von Doxycyclin, komme nur der kleinere Teil des verabreichten Wirkstoffs
ans Ziel. Fink regte an, sich intensiver mit dem Stoffwechsel von Borrelien zu befassen und von den Erfahrungen
mit Trypanosomen-Infektionen oder auch der Toxoplasmose zu lernen.
Ärzte-Arbeitsgruppen für Positionspapiere zu Diagnostik und Therapie |
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Am Ende des Vormittages konstituierten sich zwei Arbeitsgruppen der "Ärztesektion" zwecks Ausarbeitung medizinischer
Positionspapiere: eines zur Diagnostik unter der Leitung des Berliner Laborarztes Professor Dr. Rüdiger von Baehr
und eines zur Therapie, wofür sich der Neurochirurg und Chefarzt der Heinrich-Mann-Klinik (Bad Liebenstein), Dr.
Harald Bennefeld zur Verfügung stellte. Seine Rehaklinik hatte sich in letzter Zeit bei Selbsthilfeinitiativen
um das Image eines Therapiezentrums für Lyme-Borreliose "auf aktuellem wissenschaftlichem Stand" bemüht, sinnfällig
durch einen auch in Jena verteilten Flyer. Darin läßt allerdings die Betonung dessen aufhorchen, "was sie bei uns
nicht erhalten: unwissenschaftliche, in ihrer Wirkung nicht nachgewiesene Diagnose- und Therapieverfahren; (...)
Unterstützung in Renten- und sonstigen sozialrechtlichen Angelegenheiten, wenn wir von deren Notwendigkeit und
ihrem Sinn nicht absolut überzeugt sind, da wir das Ziel unserer Arbeit in der Hilfe für wirklich Betroffene und
tatsächlich kranke Patienten sehen". Als Verfahren bzw. Kriterien hierfür werden explizit die Lumbalpunktion und
implizit die PCR ("aufwendigere und seltener angebotene labortechnische Untersuchungsmethoden") genannt - obwohl
über Liquorbefund und Direktnachweis des Erregers als Ausschlußkriterien nach dem wissenschaftlichen
Diskussionsstand keineswegs Klarheit und Konsens besteht. Werden hier also - zum Schaden eines erheblichen
Teils der Patienten - falsche diagnostische Sicherheiten beansprucht und entsprechend falsche Schlüsse
gezogen? Zu einer Debatte darüber kam es nicht, da Bennefeld sich inhaltlich im Plenum nicht mit einer
eigenen Position vorwagte.
Diese hätte ihn wohl auch in Widerspruch zu jenen Experten gebracht, die im erweiterten Kreis des Symposiums am
Nachmittag über die Labordiagnostik referierten. Der Diplom-Chemiker Dr. Werner Gebhardt vom Karlsruher Labor
Rurainski (www.laborzentrum.org), der differenziert die Möglichkeiten und Grenzen aller einschlägigen Nachweismethoden
darstellte, bezifferte den Er-folg der PCR aus Blut auf ein bis fünf Prozent, aus Nervenwasser bei bestehender
Infektion auf "bestenfalls 50 Prozent", so daß die hoch sensitive Methode zwar kaum falsch positive, jedoch häufig
falsch negative Befunde hervorbringe. Wer als Arzt einem Patienten mit hoch positivem Elisa, breit gefächtertem,
spezifischem Westernblot, LB-entsprechender Symptomatik und Besse-rung unter Antibiotikagabe mit dem Argument
eines mißlungenen Direktnachweises die Diagnose verweigere, bei dem solle man schleunigst "die Klinke in die
Hand nehmen". Ein verbreitetes Mißverständnis sei außerdem, dass eine floride Borreliose immer einen IgM-Titer
aufweisen müsse. Ganz abgesehen von der Spätphase mit typischerweise reiner IgG-Antwort verliefen manche
Infektionen - noch häufiger als bei der Lues - von Anfang an ohne IgM-Antikörperbildung. Und selbst ein
gänzlich negativer Antikörperbefund beweise nicht, dass der Patient nicht mit Borrelien infiziert sei:
Wahrscheinlich rund 5 Prozent aller Borreliosen verlaufen "seronegativ", von der wesentlich höheren
Fehlanzeige in der Frühphase mit Erythema migrans (in 70-90% aller symptomatischen Infektionen) ganz
zu schweigen. Daher sei die gängige Kassenpraxis verfehlt, einen Westernblot nur bei positivem Elisa
zu erstatten. Ein so in spätere Stadien geratener LB-Kranker kommt die Kassenhüter bekanntlich
wesentlich teurer zu stehen, erst recht mit einer Krankenbio-graphie unter falscher Diagnose,
denn eine Spontanheilung im Stadium III ist höchst unwahr-scheinlich. Umgekehrt könne man aus
der bloßen Existenz von Antikörpern nicht schließen, das die Infektion noch bestehe, da stimulierte
Plasmazyklone auch nach Ablauf der Infektion weiter-hin Antikörper produzierten. Den Begriff des
"Post-Lyme-Syndroms" für therapierte Borreliosen nannte Gebhardt eine "Verlegenheitsdiagnose".
Indikator für eine aktive Borrelieninfektion:
der Lymphozytentransformationstest (LTT)
Einen zusätzlichen Hinweis bei zweifelhafter negativer Serologie, aber auch bei vermeintlicher "Serumnarbe", kann
laut Gebhardt der von Stricker und Winger 2001 in den "Immunological Letters" vorgestellte CD 57-Test (Expression
auf Natural-Killer-Zellen) geben, der allerdings auch bei den viralen (Ko-) Infektionen positiv anzeigen kann.
Zunächst wird man daher dem Lymphozytentransformationstest (LTT) den Vorzug geben, bei dem Patientenzellen
(Lymphozyten) mit gereinigten Borrelienantigenen stimuliert werden. Finden sich T-Zellen mit spezifischen
Rezeptoren ("Memory-Zellen"), spricht dies für eine aktuelle Auseinandersetzung des Immunsystems mit Borrelien,
also für eine aktive Infektion. Professor Rüdiger von Baehr vom Berliner Institut für medizinische Diagnostik
(www.IMD-Berlin.de) stellte seine Studie zum Vergleich von Serologie und LTT vor, die eine Übereinstimmung der
Ergebnisse von 76 Prozent ergab. Fiel der LTT bei positiver Serologie negativ aus, handelte es sich in der
Regel um nach Antibiose weitgehend be-schwerdefreie Patienten (Serumnarbe). Insbesondere IgM-Antikörper sind
auch bei Autoimmunkrankheiten (z.B. rheumatoide Arthritis, Lupus erythematodes) oder nach einer kürzlich
erfolgten EBV-Infektion möglich. Differenzialdiagnostisch, besonders bei Arthritis, ist immer eine reaktive
Arthritis nach anderen Infektionen (Chlamydia trachomatis, Yersinien, Campylobacter, Salmonellen) in
Erwägung zu ziehen. In diesen Fällen sind die Borrelienserologie und der LTT Borrelien unauffällig.
Bei positivem LTT und negativer Serologie lag zumeist eine frische LB-Infektion mit Erythema migrans vor.
Dass knapp ein Drittel aller LTT-Befunde bei Spätborreliosen nach adäquater Antibiose weiter positiv
(> 3) anzeigten, könnte auf die auch symptomatisch naheliegende Existenz resistenter Stämme (etwa durch
"L-Formen") hinweisen. Um die These einer Induktion von Autoimmun-erkrankungen durch Borrelien ist es
nach Professor von Baehrs Eindruck zuletzt "ruhiger geworden". Auch im Plenum schien die Annahme einer
Erregerpersistenz als wahr-scheinlichste Ursache persistierender bzw. rezidivierender Krankheitssymptome
zu dominieren, zumal auch nach Langzeitantibiosen immer wieder Direktnachweise gelingen. Die
verbreitete Kritik am LTT beruht laut von Baehr meist auf dem Fehlen eigener Erfahrungen und
überholten Argumenten. Das Verfahren sei inzwischen intensiv weiterentwickelt worden und zumindest
nach den vorgetragenen Ergebnissen des Berliner Labors umfangreich validiert, mit den verschiedensten
klinischen Bildern der Borreliose verglichen und somit als diagnostische Methode für eine aktive
Borreliose, zur Erfolgsbeurteilung der antibiotischen Behandlung und zum Nachweis einer
Reaktivierung als wertvoll erwiesen. Auch die Professorin Dr. Bettina Wilske vom Nationalen
Referenzzentrum Borrelien im Münchener Pettenkofer-Institut betrachte den LTT inzwischen als
"leistungsfähige Methode". Die Serologie habe sich dagegen für die kurzfristige
Verlaufsbeurteilung einer Borreliose als nicht geeignet gezeigt. Allerdings ist es für den
LTT neben der qualifizierten Durchführung wichtig, dass die Zellen nach möglichst kurzem
Transport - am sichersten durch einen Abholservice - bei moderater Temperatur lebend im
Labor ankommen.
Direktnachweis PCR: unterschiedlich zuverlässig und meist teuer |
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Die Konstanzer Chemikerin und Laborexpertin Dr. Sabine Lautenschläger (www.labor-brunner.de) betonte zunächst, dass
neben Borrelien auch eine Reihe weiterer Zeckeninfektionen (Ehrlichien, Rickettsien, Coxiella burnetii u.a.)
existieren. Auch hier sind die gängigen Antikörpertests nicht ganz zuverlässig. Gebhardts und von Baehrs Aussagen
zur PCR ergänzte sie durch die Erklärung, dass es beim Borreliennachweis aus Urin und Blut deshalb falsch negative
Befunde gebe, weil die Spirochäten nicht gleichmäßig und in hoher Dichte verteilt seien, sondern sich zu "Haufen"
zusammenlagerten. Die PCR aus Haut sei nach der neueren Literatur zu 95 Prozent zu-verlässig, die aus Gelenkpunktat
(85%) oder Liquor (70%) aber schon weniger. (Nach den offiziellen Qualitätsrichtlinien MIQ 12/2000 beträgt die
Sensitivität aus dem Liquor dagegen nur 10-30 Prozent!). Dem Argument der hohen Kosten des Direktnachweises
begegnete Lautenschläger mit dem Angebot ihres Labors, die PCR für nur 42,50 Euro praktisch zum Selbstkostenpreis
durchzuführen. Ein Nachweis in eingesandten Zecken kostet sogar nur 20 Euro.
Zum Abschluß des Symposiums rückten wieder Klinik und Therapie der Borreliose in den Mittel-punkt. Dr. Wolfgang Klemann
(www.dr-w-klemann.de) stellte Patientenberichte zur fortgeschrit-tenen Lyme-Borreliose vor, die gewisse Erfolge
antibiotischer Langzeittherapien zeigten. Spontanheilungen seien schon aufgrund des häufigen Immundefekts bei bzw.
durch lange bestehende Infektionen unwahrscheinlich. Am schwersten erkrankten nach seiner Erfahrung Patienten mit
einer Borrelien- plus Chlamydieninfektion. Hier seien schon wegen der intrazellulären Wirkung Doxycyclin und Klacid
(intravenös und oral), aber auch Metrodinazol Mittel der Wahl. Bei unkla-rer laborchemischer Befundlage müsse die
Symptomatik den Ausschlag geben. Beispielsweise spreche eine nächtliche Verstärkung der Beschwerden im Unterschied
zur Arthrose für eine infektionsbedingte Entzündung. Diese gehe "fast immer" mit einer Vaskulitis einher, weil
im kapillaren Strom die nachts ohnehin reduzierte Passage inflammatorisch weiter verengt werde. Das könnte auch
erklären, warum nach einer amerikanischen Studie (Fallon/Van Heertum/Plutchock 1997) etwa die Hälfte der
Lyme-Patienten ein heterogenes Muster pathologisch verminderter Perfusion in der Hirn-SPECT aufwiesen.
Bei etwa der Hälfte dieser Patienten verbesserte sich der Befund unter intravenöser Antibiose.
Rationalisierung statt Rationierung: "Das große volkswirtschaftliche Problem"
Als ein Kriterium für die Arbeitsfähigkeit therapierter LB-Kranker - in rein körperlicher Hinsicht - hat sich laut
Klemann ein zweistündiger Spaziergang ohne Zeichen der Verausgabung bewährt. So viel Zeit haben sozialmedizinische
Routinebegutachtungen freilich nicht: Ohne wesentliche moto-rische Einschränkungen, massiv gestörte Sinneswahrnehmung,
drastische Blutbild- oder Organveränderungen, auffällige kognitive Ausfälle oder psychische Störungen gilt der
Mensch hier allzu oft als gesund oder zumindest beruflich belastbar. Noch so schnelle und tiefe Erschöpfung,
schweres Krankheitsgefühl, quälende Mißempfindungen und Schmerzen, subakute Entzündungen und häufige Infekte,
Endokrinopathien, Dysbiose, Schlafstörungen sowie depressive Episoden, die im Zusammenwirken zweifellos schwer
behindern und dem Kranken "seinen eigenen Körper zum KZ werden lassen" (HP C. Kellersmann, Bonn), fallen
üblicherweise durch das grobe Prüfungsraster von Amtsärzten und Auftragsgutachtern. Nicht selten ist ein
Absturz in die Sozialhilfe die Folge. Und schon mancher Verzweifelte hat für teure "Alternativtherapien"
seine letzten Ersparnisse verwendet. Dieses Dilemma vieler chronisch Borreliosekranker kam allerdings eher
in Diskussionen außerhalb des Tagungsprogramms zur Sprache. Gleiches gilt übrigens für naturheilkundliche
Komplementärtherapien, die sich zumindest zur Eindämmung des beträchtlichen Nebenwirkungspotentials
ausgedehnter Antibiotikagaben eignen.
In der Mitgliederversammlung der Borreliose-Gesellschaft am Sonntag wurde das "große sozialmedizinische und
volkswirtschaftliche Problem" (Prautzsch) ebenso angesprochen wie die schier unausrottbare journalistische
Desinformation durch Aufforderungen, sich "gegen Zecken impfen" zu lassen und durch irreführende Kartendarstellungen
von "Zecken-Risikogebieten". In der Formel "Rationalisierung statt Rationierung" der finanziellen Ressourcen des
Gesundheitssystems waren sich die Teilnehmer bei aller Differenz über geeignete Diagnoseverfahren oder
Therapie-schemata doch einig. Wo eine kausale Therapie infolge oberflächlicher, kostenfixierter Diagnostik
versäumt oder trotz richtiger Diagnose verkürzt bzw. verweigert werde, führe die folgende jahrzehntelange
Fehlbehandlung oder rein symptomatische Ersatztherapie meist zu noch höheren Kosten.
25 Jahre Reizblase und ein Ende
Ein vergleichsweise harmloses Beispiel zum Schmunzeln (für Nicht-Betroffene!) brachte Kle-mann mit dem Fall
eines Patienten, der 25 Jahre lang an einer "Reizblase" litt und damit durch unser "hochmodernes" Gesundheitswesen
geisterte. Nach einer Borreliose-adäquaten Antibiotikatherapie (Ceftriaxon) war der Spuk vorbei. Ein anderer
Patient wanderte zehn Jahre lang mit Knieschmerzen ("Arthrose") durch orthopädische Praxen und Rehakliniken - mit
entsprechenden Kosten -, bevor eine dreiwöchige orale Antibiotikatherapie ihn von seinem Leiden erlöste - und
das Gesundheitswesen von einem Faß ohne Boden. Eine Fachärztin für Allgemeinmedizin aus Burgwedel (Dr. D.
Putzer-Ahlborn) berichtete von einem verhaltensauffälligen Kind, das unter Antibiose "plötzlich normal" wurde
und blieb, und ein Kollege aus Wolfenbüttel (Dr. H.-P. Gabel) entlarvte angebliche kindliche "Wachstumsschmerzen"
als Spirochätenwerk. Stimmt Klemanns Schätzung, dass etwa 5 Prozent der Bevölkerung irgendwann an Borreliose
erkranken, aber wohl nur eine Minderheit davon die richtige Diagnose und Therapie erhält, dann bedeutet dies:
Inmitten unserer "High-Tech-Medizin" rotiert eine rein Ignoranz-betriebene Geldvernichtungsmaschine.
Ein Tagungsteilnehmer, der sich beklagte, erst nach einer Internisten-Odyssee von 7 Monaten die richtige
Diagnose - leider zu spät - erhalten zu haben, erhielt vom letztlich treffsicheren Diagnostiker (der
nämlich selbst eine Borreliose hatte) die frappierende Antwort: "Na da sind sie ja noch früh dran; im
Durchschnitt wird die Diagnose, wenn überhaupt, erst nach 2 bis 3 Jahren gestellt".
Spätestens hier wird deutlich, dass es sich bei der Borreliose nicht um eine "Modekrankheit" handelt, sondern um
einen Medizin- und Sozialskandal mit erheblichen volkswirtschaftlichen Kosten - und insofern auch um ein Thema
der Politik. Die ist allerdings derzeit mit anderen Themen voll beschäftigt, darunter paradoxerweise die
Kostendämpfung im Gesundheitswesen. Hier zusammen mit den Selbsthilfegruppen des "Borreliosebundes Deutschland"
(BBD) und den Borreliose behandelnden Ärzten vom BBÄ aufzurütteln, über die Massenmedien aufzuklären und
politisch zu wirken, dürften die Hauptaufgaben der Borreliose-Gesellschaft (www.borreliose-gesellschaft.de)
werden. Daher ist sie offenkundig an Mitgliedern mit gesellschaftlichem Einfluß auch außerhalb der medizinischen
"Community" besonders interessiert. Direkt oder mittelbar Betroffene müßte es auch in den meinungsbildenden
Eliten zunehmend geben. Vielleicht bedarf es angesichts "Promi"-fixierter Aufmerksamkeitsreflexe erst eines
eindrücklichen Prominentenschicksals (Leistungssportler, Spitzenpolitiker, Filmstar) - wie bei Aids Rock
Hudson - um kollektives Ausmaß und individuelle Dramatik dieser gefährlichen und "widerwärtigen Krankheit"
(Dipl.-Ing. Günther Schust, BG-Vizevorsitzender) allgemein bewußt zu machen. Neuere, alarmierende
Fernsehbeiträge des letzten Jahres, etwa von "Frontal" (ZDF), "Report" (ARD), "Extra" (RTL) und
verschiedenen regionalen Sendern scheinen die Einschätzung der Sprecherin des Borreliosebundes,
Ute Fischer, zu bestätigen: "Die Zeit arbeitet ja für uns".
Das war jedoch kein Trost für jene verzweifelte und couragierte Mutter, die sich erst kurz vor der Tagung spontan
angemeldet hatte, um vielleicht einen hilfreichen Hinweis für ihre neunjährige, schwer kranke Tochter zu ergattern,
die trotz Antibiosen "immer schwächer" werde. Von vier Ärzten aus dem Teilnehmerkreis erhielt sie vier verschiedene
Ratschläge, stellte sie später resignativ fest. Ein Fanal für die Rat- und Hilflosigkeit, mit der unsere
jahrzehntelang infektionsvergessene, impf- und antibiotikaoptimistische Medizin dem Problem der Borreliose
noch immer gegenübersteht - ein Vierteljahrhundert nach ihrer Entdeckung.
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