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Bericht über:
Berliner Mokrobiologische Gesellschaft
Lyme-Borreliose / Neuroborreliose
Vortrag am 12. 11. 2002, 18:00 Uhr
im Robert Koch Institut, Nordufer 20, Hörsaal
I. PD Dr. B. Wilske,
Max-von-Pettenkofer-Institut, München,
Nationales Referenzzentrum für Borreliose
II. PD Dr. E. Schielke,
Chefärztin der Neurologie, Auguste-Viktoria-Krankenhaus
in Berlin; vormals in der Charité
I. Epidemiologie der Lyme-Borreliose (Wilske)
- Verbreitung der Lyme-Borreliose (LB) in der Welt: auf die nördliche Hemisphäre beschränkt; Verbreitung
der Erkrankung entspricht derjenigen der Vektorzecken; USA: Ixodes scapularis, I. pacificus; Europa:
Ixodes ricinus; und weiter im Osten: Ixodes Persulcatus
- Deutschland ist flächendeckend betroffen, auch in den Stadtgebieten; Freizeitverhalten besonders im
Einzugsgebiet der großen Städte - Frau Dr. Wilske hat sich in diesem Jahr (2002) ein Erythema migrans
in Ihrem Garten in München-Harlaching zugezogen
- Enzoonotischer Zyklus von Zecken: 20 % der adulten Zecken infiziert; 10 % der Nympfen infiziert; 1 %
der Larven infiziert (transovarielle Übertragung)
- Prophylaxe: Zecken mit spitzer Pinzette oder einem Faden entfernen, letzteres "wie
mit einem Lasso"
Klinik der Lyme-Borreliose
- Frühmanifestation der LB: Erythema migrans (EM)
- Stadium II: disseminierte Erkrankung: Erythema migrans mit multiplen Läsionen, Borrelien-Lymphozytom,
Menigoradikulitis, Meningitis, Karditis
- Stadium III nach Monaten bis Jahren: chronisch progrediente Enzephalomyelitis (sehr selten), Lyme-Arthritis,
Acrodermatitis chronica atrophicans
Prävalenz der Lyme-Borreliose
- Saisonale Prävalenz: nur bei den Frühmanifestationen
- Spätmanifestationen; über das ganze Jahr verteilt wegen unterschiedlich langer Inkubationszeiten
Häufigkeit der Lyme-Borreliose
- Inzidenz der LB in Europa: zuverlässige Meldepflicht nur in Slovenien: 140 / 100 000 - ansonsten nur Schätzungen:
Deutschland ca. 40 / 100 000
- Studie in Süd- und Ost-Bayern, Prof. Sonnenburg, ca. 5000 Probanden, über 2 Jahre: Seroprävalenz bei 14 %
(<5 - 20 %); hohe Inzidenz 1,1 % davon 0,7 % klinisch und 0,4 % subklinisch
Der Erreger der Lyme-Borreliose
- Borrelia burgdorferi: Spirochäte - Schraubenbakterium; Endoflagellen: Fortbewegung in viskösem Gewebe
mittels "schrauben" möglich (Pathomechanismus)
- Mindestens 3 verschiedene humanpathogene Borrelia burgdorferi-Spezies in Deutschland / Europa: Bb sensu
strictu, B. afzelii, B, garinii; zusätzlich noch B. valaisiana, B. lusitiana - letztere wohl nicht
humanpathogen; USA nur Borrelia sensu stricto
- Ausgeprägte Heterogenität von Borrelia burgdorferi sensu lato in Europa: Osp-A ist sehr heterogen, aber
Osp-C ist noch viel heterogener
- Osp-A ist bei Borrelia burgdorferi s. s. und B. Afzelii einheitlich (Serotyp I + II) bei B. garinii sind
die Osp-A-Typen heterogen (Serotyp III-VII)
- Osp-C ist bei Borrelia burgdorferi s.s. heterogen, noch größer als bei Osp-A
Wie spiegeln sich die Unterschiede bei den verschiedenen Isolaten wider?
- Hautisolate sind in der Regel B. afzelii (Serotyp II),
-
Liquorisolate: alle sieben verschiedenen Serotypen sind vertreten
- Zecken- und Liquorisolate sind recht heterogen
- Bei Lyme-Arthitis ist es bislang selten gelungen, den Erreger zu isolieren; die PCR-Befunde deuten auf
eine Heterogenität hin; Auch bei Western-Blots mit verschiedenen Stämmen finden sich starke Hinweise auf Heterogenität
- Bei einem Patienten mit chronischer Borreliose (ACA) wurde nach 8 Wochen Bebrütung (in der Kultur) ein
ungewöhnlicher Stamm nachgewiesen, der aus den 3 Spezies "herausfällt"; er sei identisch mit dem Stamm, den eine
holländische Arbeitsgruppe bei einem Erythema migrans isoliert habe
- Es muss weiter nach neuen Spezies und neuen Genotypen gesucht werden
- Während der Einwanderung der Borrelien vom Darm in die Speicheldrüsen der Zecken kommt es zum "switch" vom Osp-A zum Osp-C
- Eine rekombinante Osp-A-Vaccine wirkte im Darm der Zecken gegen die Borrelien
- Lymerix ist aus Kostengründen in den USA vom Markt genommen worden; für Europa tut sich evtl. etwas hinsichtlich
der Vaccine-Entwicklung
- Eine Osp-C-Vaccine kann die Borrelien teilweise im Zeckendarm, teilweise im Wirt eliminieren
- Es ist sehr schnell klar geworden, dass es im heterologen System keine Protektion gibt;
- deshalb werden für Europa Mischvaccine benötigt; die Versuche sind aber auf die lange Bank geschoben worden
Die Diagnostik der Lyme-Borreliose
- Das Untersuchungsmaterial für die Diagnostik der Lyme-Borreliose:
- Serum für den Antikörpernachweis
- für den Erregernachweis:
- aus Hautbiopsien
- unter Umständen Myokard-Biopsie
- Gelenkpunktat oder Synoviabiopsie
- Liquor-Untersuchung bei der Neuroborreliose
- möglich ist auch, bei Spätmanifestationen der Neuroborreliose den Liquor zu untersuchen - man wird dabei praktisch nie fündig !
Bei neurologischen Manifestationen gilt es, intrathekale Antikörper nachzuweisen für den Liquor-Serum-Index
Der Erregernachweis
- Kultur; MKP-Medium
- PCR; z. B. Osp-A, Flagellin, P 66, . . .
- Die Erfolgsrate ist mit verschiedenen Methoden ähnlich
- Haut: 50-70 % Nachweis mit Kultur oder PCR möglich bei Erythema migrans oder Acrodermatitis chronica atrophicans
- Liquor 10-20 % Erfolg mit Kultur oder PCR, weil die Erreger wenig in Körperflüssigkeiten vorhanden sind
(anders als bei B. recurrentis)
- Gelenkpunktat 50-70 % mit PCR; Kultur selten positiv
- Erregernachweis in Zecken: nur für epidemiologische Untersuchungen
- Grundsätzliches zur Borrelia burgdoferi-Kultur: modifiziertes Kelly-Medium, wöchentliche Wachstumskontrollen,
(Farbumschlag des Mediums), wöchentliche Dunkelfeldmikroskopie, mindestens 6 Wochen Subkultivierung; z. T. erst
nach 8 Wochen Borrelia burgdorferi-Wachstum nachweisbar
- PCR: im Pettenkofer-Institut wird die Osp-A-PCR verwendet; Vorteil der PCR: Differenzierung von Borrelia
burgdorferi möglich; 5 verschiedene Restriktionsenzyme; erfaßt alle Spezies, auch B. valaisiana und B.
lusitania, dazu die Subspezies
- Unterschiede bei benachbarten Gebieten hinsichtlich Osp-A bei den Zecken: z. B. Englischer Garten I+II
- Reservoir für Osp-A-Typ IV ist in der Regel die Maus; beim Menschen zuerst in Liquor-Isolaten gefunden
Die serologische Stufendiagnostik
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- MIQ-Lyme-Borreliose, CDC
- zuerst sensitiver Suchtest, getrennter IgG- und IgM-ELISA
- wenn dieses Ergebnis negativ ist: "negativer serologischer Befund", keine weiteren Tests, außer bei kurzer
Krankheitsdauer: Verlaufskontrolle
- bei positiv/grenzwertigem ELISA: Immunoblot (getrennt) als Bestätigungstest
- zu erwartende Befunde bei der serologischen Diagnostik: Stadium I, Erythema migrans, häufig seronegativ;
Stadium II: 70-90 % seropositiv; Stadium III: nahezu 100 % seropositiv mit IgG-AK;
- IgM haben keinen Wert für die Diagnostik; ein isolierter IgM-Befund spreche gegen das Vorliegen einer
Lyme-Borreliose Stadium III
- Grundsätzlich gelte: je kürzer die Krankheitsdauer, desto häufiger sind IgM-Antikörper nachweisbar; je länger die
Krankheitsdauer, desto häufiger sind IgG-Antikörper nachweisbar
- Der Immunoblot - Bestätigungstest: spezifische und kreuzreaktive Proteine können sehr eng nebeneinander liegen,
z. B. p60 und p58. P60 sei ein heat-shock-Protein (unspezifisch), p58 sei spezifisch; ähnliches gelte für p41 / p39
- Unterschiede, wenn man ein Serum mit verschiedenen Stämmen testet: ein Serum von einem Patienten mit chronischer
Neuroborreliose reagierte gut mit einem B. garinii-Stamm aber schlecht mit anderen Stämmen. Das bedeutet: die
Kriterien müssen stammspezifisch definiert werden
- Rekombinante Antigene sind selektioniert; man kann auch homologe Antigene von verschiedenen Stämmen mischen,
z. B. verschiedene Osp-Cs, verschiedene p39-Proteine; man kann sich auch spezifische Stücke von kreuzreaktiven
Antigenen heraussuchen, z. B. Teile des Flagellins, internes p41; man kann auch primär in vivo exprimierte
Antigene verwenden, insbesondere vlsE und Dbp (Osp 17)
- VlsE + DbpA (B. garinii) als Zusatzblot
- Herausforderung Neuroborreliose: Stammheterogenität ! Die akute Neuro-LB ist eine Frühmanifestation,
da kann man die Teste noch verbessern und ausserdem gibt es einen sehr guten Marker: den Nachweis
intrathekal gebildeter Antikörper. Untersuchungsgruppe von 36 (26 ?) Neuro-Lb-Patienten: vlsE
positiv in 83,3 % der Fälle; zwei verschiedene Dbp positiv in 69,4 % der Fälle; es müssen mindestens
zwei Banden im Blot positiv sein, sonst gibt es starke Unspezifitäten; Gesamtergebnis der Blots für
die Erkennung einer Neuro-LB: neuer Blot 86,1 %; alter rekombinanter Blot 52,7 %; Ganz-Zell-Lysat-Blot
62,8 %. Ergebnis: der neue rekombinante Blot ist eindeutig besser als der alte und mindestens
genauso gut wie der Lysat-Blot. "Wir glauben, dass wir jetzt mit der Standardisierung des
Immunoblots auf dem richtigen Weg sind, was wirklich ein ganz großes Problem ist."
- VlsE von B. afzelii und B. garinii: " Es gibt eine Probe, die gar nicht mit vlsE von B. afzelii, aber
recht schön mit vlsE von B. garinii reagiert. - Es gibt auch Proben, die mit beiden vlsEs reagieren."
- "Seren, die beim Blot noch negativ waren, sind jetzt mit den neuen Antigenen positiv geworden."
- Nachweis intrathekaler Antikörper: Liquor und Serum vom selben Tag untersuchen! Es gilt nachzuweisen, dass Antikörper
im Liquor intrathekal gebildet worden sind. dazu muss eine Gesamt-Immunglobulin-Bestimmung durchgeführt werden und
ein quantitativer, erregerspezifischer Essay; " Es gilt nachzuweisen, dass der Anteil der erregerspezifischen
Antikörper im Liquor größer ist als der entsprechende Anteil im Serum. Dazu braucht man einen entsprechenden Index."
- Zusammenfassung: "Wir müssen eine Stufendiagnostik machen." Man sollte für die Serodiagnostik Teste der zweiten
und dritten Generation verwenden, in denen spezifische oder rekombinante Antigene verwendet werden; die weiter-
entwickelten Teste haben einen deutlich höhere Spezifität.
- Der Immunoblot sollte eine hohe Spezifität haben, mindestens 95 %.
- Die diagnostischen Banden müssen zuverlässig identifizierbar sein
- Die CDC-Kriterien (für die Serodiagnostik) sind für Europa nicht geeignet
- Die Banden sollten im Laborbefund angegeben werden
- Der Befund muss im Kontext mit dem klinischen Bild interpretiert werden; die Interpretationskriterien sind
abhängig vom verwendeten Borrelienstamm
- "Ein isolierter IgM-Befund spricht gegen eine chronische Borreliose. Es werden Patienten monatelang behandelt,
weil sie IgM-Antikörper haben, obwohl sie überhaupt keine akute Infektion haben; da wird immer wieder eins
draufgesetzt. Es gibt bestimmte Borrelioseärzte in Deutschland - oder noch schlimmer: sie gucken ins Internet,
was Burrascano sagt. Da wird immer wieder behandelt, aber die Leute haben etwas ganz anderes. Entweder haben
sie eine Herpes-Virus-Infektion. In den meisten Fällen weiß man aber gar nicht, was sie haben. Das kann
eine unspezifische Reaktion sein."
- Man sollte auch weitere Empfehlungen geben, eine serologische Verlaufskontrolle bei Frühmanifestationen,
auf einen Titeranstieg achten
- " . . . So, nun komme ich (Wilske) noch einmal auf mein Erythema migrans zurück. Ich hatte anfangs massiv
IgM-Antikörper, war dann aber nicht so ganz zufrieden. Ich hatte tatsächlich eine Serokonversion nur für
vlsE-AK . . das scheint ja ein recht gutes Antigen zu sein. ( . . . )Bei einer chronischen Lyme-Borreliose
muss man IgG-AK nachweisen. Da reicht es nicht, für viel Geld den Lymphozyten-Transformations-Test zu
machen und auch zu versuchen, für ähnlich teures Geld den Antigennachweis aus dem Urin zu machen oder
Urin-PCRs. Die Forderung ist: IgG-Antikörper also muss bei einer chronschen LB im Spätstadium nachweisbar sein.
- Ich habe momentan einen fürchterlichen Gutachtensfall, der schon seit 15 Jahren läuft, wo
der Rechtsanwalt versucht, uns da reinzulegen; es ist ganz abenteuerlich was da teilweise gemacht wird."
- Nur in speziellen Fällen wird der mikrobiologische Nachweis mittels PCR und Kultur empfohlen
- Der mikrobiologische Befund sollte keine Therapieempfehlungen enthalten
- Die serologische Verlaufskontrolle ist nicht zur Therapiekontrolle geeignet
- " Ein Patient, der eine positive PCR aus dem Urin hat und eine negative IgG-Serologie beim Verdacht
auf Spätmanifestationen - da ist die PCR wertlos."
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II. Lyme-Borreliose - der neue große Imitator (Schielke)
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"Wir sehen jedes Jahr Patienten, die lange vom Orthopäden gequaddelt oder vom Psychologen therapiert
worden sind, die am Ende aber eine Neuroborreliose haben.
Auf der anderen Seite ist bedauerlicherweise die Borreliose
zum Lebensinhalt einer Gruppe paramedizinischer Sektierer geworden, die
alle Übel an Leib und Seele der Borreliose zuschreiben."
Das klinische Bild der Neuroborreliose
- Ein Zeckenstich ist oft nicht erinnerlich, lokale Infektion, disseminierte Infektion, nach Monaten bis Jahren:
chronische Infektion
- Stadium I: Erythema migrans, Arthralgien
- häufigste neurologische Manifestation: Bannwarth-Syndrom
- Spätstadien (selten): Polyneuropathie, Entzündung des Rückenmarks, cerebrale Vaskulitis
- Nur 40 % der Betroffenen mit Neuroborreliose können sich an ein EM erinnern, in 60 % der Fälle ist kein Zeckenstich
erinnerlich; wichtig ist: fragen nach Zeckenexposition, es kann auch der heimische Garten sein
- häufigste Symptome bei der Meningoradikulitis sind zu 90 % starke Schmerzen, z. B. im Rücken, zwischen den
Schulterblättern, pseudoradikuläre Ausstrahlung, vor allem nachts
- 70 % der Neuro-LB-Patienten haben asymmetrisch verteilte radikuläre Paresen
- 50 % der Patienten mir Neuro-LB haben eine N. fascialis-Parese, die häufig doppelseitig vorkommt
- 10 % der Patienten mit Neuro-LB haben - das wird häufig übersehen - Bauchwandparesen mit schlaffer Bauchwand;
dieses kann auch mit Schmerzen vergesellschaftet sein und als akute Appendizitis verkannt werden
- 5 % der Neuro-LB-Patienten haben eine N. abduzens-Parese
- Bei Kindern findet man häufig leichtes Fieber, das bei Erwachsenen fehlen kann, meningeale Dehnungszeichen, N.
facialis-Parese; radikuläre Schmerzen und Ausfälle sind bei Kindern seltener als bei Erwachsenen; sie haben eher
einen meningitischen Verlauf
Fallbeispiel aus der Charité
- Rentnerin, 68 Jahre, reagiert (Ende März 2001) plötzlich nicht mehr auf Ansprache, Zittern, unauffälliges kraniales CT
- 1 Woche später sprach die Patientin überhaupt nicht mehr, wirkte ratlos: V. a. Infarkt der A. cebreri media links,
apathisch, apraktisch, kein fokal-neurologisches Defizit, fieberfrei, unauffälliges CT
- 2 Tage darauf sprach die Patientin wieder, immer noch unauffälliges CT, verwirrt, desorientiert, Alpträume,
optische Halluzinationen, MRT + EEG (Befund ? )
- Liquorbefund mit lymphozytärer Pleozytose, deutlicher Zellzahlerhöhung, erhöhtem Eiweiß, erhöhtem
Laktat und einer Drei-Klassen-Reaktion mit IgM-Dominanz: ein typischer Befund für eine Neuroborreliose
- Einleitung der Behandlung mit Ceftriaxon, wenige Tage später hoher Antikörper-Index gegen Borrelia
burgdorferi für IgG und IgM
- rasche Besserung unter der Antibiose; nach 3 Wochen Ceftriaxon weitgehende Beschwerdefreiheit
- die Patientin berichtete über eine wandernde Hautrötung im vorangegangenen Sommer
Chronische Borrelienenzephalitis
- DD: Multiple Sklerose; die Bildgebung kann ähnlich aussehen, wie bei einer MS; Abgrenzung zur MS: kein
schubartiger Verlauf, chronisch progredienter Verlauf mit langsamer Wesensänderung, mit Para-, Tetra-
oder Hemiparese, mit kognitiven Defiziten; durch eine Liquor-Untersuchung und die Bestimmung des
Antikörper-Indexes könne man sicher feststellen, ob es sich um eine Borreliose handele
- Ebenfalls seltene Manifestationen seien Psychosen, Myelitiden, schlaffe Paresen und cerebrale Vaskulitiden,
die zum Infarkt führen. Bei atypischen Schlaganfällen sei es sinnvoll, den Liquor zu untersuchen. Sehr selten:
Polyneuropathie assoziiert mit Acrodermatitis chronica atrophicans (hierbei keine entzündlichen Liquor-Veränderungen)
- An erster Stelle steht das klinische Bild und an zweiter Stelle muss dieses durch den Liquorbefund erhärtet
werden. Fehldiagnosen: idiopatische N. facialis Parese, Weichtelrheumatismus, Lumbo-Ischialgie; DD:
Gregory-Hunt-Syndrom (Varizella-Zoster-Infektion des Gehörganges); DD: Tbc, Neurolues, Neurosarkoidose,
Meningeosis carcinomatosa, Meningeosis lyphomatosa
- Typisch für die Neuro-LB: sehr gereiztes Zellbild mit vielen transformierten Lymphozyten, Pleozytose von
100-1000/ µL, Dominanz von Plasmazellen, anfangs können aber bis zu 40 % Granulozyten dabei sein; erhöhtes
Gesamteiweiß und erhöhte intrathekale Synthese von IgM, IgG, IgA (Drei-Klassen-Reaktion); eine intrathekale
IgG-Synthese könne jahrelang persistieren bei einer völlig ausgeheilten Neuro-LB (ähnlich wie bei einer Neuro-Syphilis)
- Bestimmung der Schrankenfunktion anhand der Albumin-Quotienten: Albumin ist ein Eiweiß, das ausschliesslich
in der Leber synthetisiert wird; jegliches Albumin, das im Liquor gefunden wird, sei passiv dorthin gelangt.
Die Menge von Albumin im Liquor sei immer von der Durchlässigkeit der Blut-Liquor-Schranke abhängig
(Schrankenstörung); Albumin-Quotient als Marker für die Intaktheit der Blut-Liquor-Schranke
- Bei der alleinigen Bestimmung des IgG-Quotienten würden Fehler auftreten, weil bei einer Schrankenstörung
erhöhte IgG-Titer im Liquor vorlägen, ohne dass diese intrathekal gebildet worden seien
- Bei intakter Blut-Liquor-Schranke und hohem IgG-Quotienten müsse davon ausgegangen werden, dass Antikörper
im ZNS gebildet worden seien. Eine Drei-Klassen-Bestimmung sei typisch für die Neuro-LB ( Vorhandensein von IgG,
IgM und IgA)
- Isoelektrische Fokussierung: qualitativer Nachweis eines Blut-Liquor-Indexes hinsichtlich des Vorliegens
spezieller Banden; identische Banden sprächen gegen eine intrathekale Synthese der Immunglobuline
- Intrathekale Antikörper können lange persistieren: es kann lange Zeit eine intrathekale IgM-Synthese
nachweisbar sein bei jemandem, dessen Erkrankung im Abklingen begriffen ist und ordentlich ausheilt
- Im Frühstadium schließe eine negative Borrelienserologie eine Borreliose nicht aus, da müsse nach
Klinik und bei einer Neuroborreliose nach Liquorbefund entschieden werden, ob therapiert werde
oder nicht: andersherum belege ein Antikörpernachweis keine floride Infektion; auch der Nachweis
von intrathekaler Antikörper-Synthese belege keine floride Neuroborreliose, sondern gibt nur
einen Anhalt, wenn auch eine Pleozytose vorhanden sei. Es bringe nichts, die Patienten dauernd
zu punktieren, man sollte eine Kontrollpunktion machen, bei der die Pleozytose deutlich rückläufig
sein sollte; eine leichte Zellzahlerhöhung nach 4-6 Wochen spreche nicht für ein Therapieversagen.
- Wichtig sei die Bildung eines spezifischen Antikörper-Indexes
Therapie der Neuroborreliose
- Dritt-Generations-Cephalosporin: Ceftriaxon brauche im Gegensatz zu Cefotaxim nur einmal täglich verabreicht werden;
Penicillin G sei nicht wirklich schlechter, aber noch umständlicher in der Anwendung; Therapien mit Doxycyclin haben
nicht schlechter abgeschnitten, als mit . . . - "Wir können annehmen, dass Doxycyclin oral auch bei der
Neuroborreliose eine adäquate Therapie sein könnte. Es gibt aber keine Studien, die das belegen. Studien
werden von der Pharmaindustrie finanziert und Doxycyclin ist spottbillig."
- Die Frage ist die optimale Behandlungsdauer: Empfehlung für Doxycyclin: 4 bis 6 Wochen; i.v.-Antibiotika: 2 bis 4 Wochen
- Bei 10 - 20 % der Patienten persistieren die Beschwerden nach der Antibiose
- Stadium I: 100 % Heilung nach oraler Antibiose mit Doxycyclin oder Amoxicillin
- Möglichkeiten, warum Patienten nach einer adäquaten Antibiose persistierende Beschwerden haben:
- Defektheilung auch nach Erregereradikation
- von Ärzten unzureichend gesteuerte Krankheitsverarbeitung und ein Kausalitätsbedürfnis, wieder auftretende
Beschwerden auf die Borreliose zurückzuführen
- ein getriggerter Autoimmunprozeß spielt in der Neurologie keine Rolle, eher bei der Rheumatologen - es ist
auch möglich, dass mit einer konventionellen Antibiotikabehandlung die Erreger nicht ausreichend eradiziert
worden sind
- Re-Infektion
- die Objektivierung einer Erregerpersistenz ist extrem schwierig; Antikörperverläufe sind nicht zur
Therapiekontrolle geeignet; der Direktnachweis ist sehr schwierig
- wichtig: klinischer Eindruck und Liquorbefund, ob ein Patient Therapieversager ist oder nicht
"Mit 212 Patienten, die an Lyme-Borreliose (nicht nur Neuroborreliose) litten, wurde ein standardisiertes
Interview geführt. Das ist ein ganz etablierter Fragebogen zu Beschwerden und Gesundheitsstörungen. Es wurden
auch Einschränkungen im täglichen Leben abgefragt. Da gab es einen ganz erklecklichen Prozentsatz von Patienten,
die Beschwerden angaben. Aber die wurden dann mit altersgematchten Kontrollpersonen verglichen, die das gleiche
Interview machten. Und es gab nicht in einem einzigen Fall einen signifikanten Unterschied, so daß man tatsächlich
sagen kann: natürlich kann uns im Rauschen dieser Statistik ein Patient untergehen, der ein echtes
mikrobiologisches Therapieversagen hat. In den meisten Fällen ist es aber ein Kausalitätsbedürfnis
der Patienten, alles auf eine durchgemachte Borreliose zurückzuführen."
Klempnerstudie
"Aus der Überlegung heraus, dass Borrelien eine ausgesprochen lange Generations-zeit haben und sich in
immunpriviligierte Gewebe zurückziehen können, resultierte die Überlegung, dass eine Langzeittherapie
zur Erreger-Eradikation notwendig sein könnte. Dazu wurde eine Studie durchgeführt, die ich außerordentlich
dankenswert finde. Sie wurde letztes Jahr im NEJM publiziert. Es wurden Patienten, die bereits behandelt
worden waren, mit sogenannter Post-Lyme-Desease, in einer doppelblinden, randomisierten und placebo-kontrollierten
Studie 30 Tage lang mit Ceftriaxon und nochmal 60 Tage mit Doxycyclin (oral) behandelt. Erstaunlich,
dass das überhaupt durch die Ethikkommission gegangen ist. Wir können dankbar sein, dass wir endlich
die Ergebnisse haben. Die Studie wurde vorzeitig abgebrochen, weil - mal abgesehen von den Nebenwirkungen
- es keinen Unterschied zwischen der verum-Gruppe und der Placebo-Gruppe gegeben hat. So kann man
evidenzbasiert sagen, dass diese Langzeittherapie medizinischer Unfug ist."
Hassler
"Eine zweite Überlegung, die auf den gleichen Argumenten beruht, wie die Langzeittherapie, ist, dass es
sinnvoll sein könnte, eine sogenannte Pulstherapie durchzuführen. Das resultiert aus der Überlegung,
dass Erreger möglicherweise nur in der Teilungsphase Antibiotika-sensitiv sind; dass sie sozusagen
synchronisiert werden müssen, um dann in der Vermehrungsphase abgetötet zu werden. Herr Hassler hat
1991 zwei Fälle im Lancet publiziert, wo er diese Therapie durchgeführt hat und anhand von Hautbiopsaten
irgendwann keine Probleme mehr nachweisen konnte. Es ist nach meiner bescheidenen Kenntnis seither nie
mehr irgend etwas in einem Journal erschienen und es ist nie eine kontrollierte Studie durchgeführt
worden. Ich denke, dass so eine an der Toxizitätsgrenze befindliche Therapie nicht nur Bakterien
beeinflußt, sondern auch dafür empfängliche Patienten. Ich glaube nicht, dass man das empfehlen
sollte. Ich denke, dass das der Placebo-Effekt durch das ganze Brimborium ist."
"Es ist viel wichtiger, um diese elendigen Langzeitverläufe zu vermeiden, die Patienten in der Akutphase
auch adjuvant gut zu behandeln. Die haben wahnsinnige Schmerzen, brauchen auch Schmerzmittel. Es ist nicht
evidenzbasiert, aber es gibt ein paar Sachen, die man aus der klinischen Erfahrung sagen darf: Was den
Patienten gut hilft, das ist nur die erste Woche ein orales Glukortikoid; das kann die Schmerzen oft
schneller nehmen, als Analgetika oder nichtsterodiale Antiphlogistika. Es ist auch wichtig, um Sekundärschäden
zu vermeiden, z. B. bei der N. facialis-Parese Augentropfen, Augensalbe usw. zu geben, damit nicht eine
Keratitis entsteht. Bei chronischen Beschwerden ist die Patientenführung das A&O. Das heißt: nicht ständig
serologische Kontrollen machen und darauf starren, sondern mit Patienten darüber sprechen, dass es ihm
zusteht, nach einer Borreliose, die ja eine schwere Erkrankung sein kann, eine längere Phase zu brauchen,
bis er wieder völlig fit ist. Es muß nicht sein, dass die nach zwei Wochen Antibiose wieder fit wie ein
Turnschuh sind und das muss man ihnen sagen, dass ihnen das zusteht. Wenn sie dann chronisch neuropathische
Schmerzen haben, soll man die symptomatisch behandeln und nicht immer wieder mit Antibiotika; und wenn
motorische Defizite bestehen, dann sollte man auch Krankengymnastik durchführen."
Prävention
"In Europa ist ja, wegen der genannten Schwierigkeiten, keine Humanvaccine verfügbar. Da fragt es sich, ob eine
Postexpositionsprophylaxe nach einem Zeckenstich sinnvoll ist. Wobei ich daran erinnere, dass eben weniger als
die Hälfte der Borreliose-Patienten den Zeckenstich überhaupt erinnert. Auch hierzu eine letztes Jahr publizierte
Studie: es wurden in einem Hochendemiegebiet in den USA Patienten, die eine Zecke hatten, die auch gesichtet
und innerhalb von 72 Stunden entfernt wurde, randomisiert, doppelblind und Placebo-kontrolliert entweder mit
einer 1xGabe 200mg Doxycyclin oder mit Placebo behandelt. In der Verum-Gruppe hat ein einziger ein Erythema
migrans entwickelt, in der Placebo-Gruppe waren es 8. Das ist ein signifikanter Unterschied. Das bedeutet,
mit dieser Therapie haben wir eine relative Risiko-Reduktion von 87,5 %. Das klingt sehr eindrucksvoll.
Die absolute Risiko-Reduktion ist aber nur 2,8 %; und die . . . um eine Borreliose zu vermeiden, ist 126
Patienten. Das war in einem Endemie-Gebiet und das für Gesamtdeutschland geschätzte Risiko für eine
Borreliose beträgt 1:300 Zeckenstiche. Da ist es sicher nicht generell empfehlenswert, nach einem
Zeckenstich eine Antbiotika-Prophylaxe durchzuführen. Man sollte in Wald und Wiese eine lange Hose
und geschlossene Schuhe tragen und bei Kindern nach einem Aufenthalt im Freien Kleidung und Körper
nach Zecken absuchen."
? Welchen Stellenwert hat die IgM-Diagnostik überhaupt bei der Borreliose? Sie kann in der Spätphase nur zu
falschen Diagnosen führen, ist in der Frühphase unzuverlässig, sowohl was die Sensitivität, als auch was
die falsch-positiven Befunde angeht.
! Wilske: Ganz so kraß würde ich das nicht formulieren, aber Sie müssen ja versuchen, mich zu provozieren.
Die IgM-Diagnostik ist bei kindlichen Neuro-Borreliosen sehr günstig. Wir haben dann relativ häufig auch
negative IgGs. Mann kann sie nur für entsprechende klinische Manifestationen verwenden. Man kann nicht
das ganze deutsche Volk damit testen, dann habe ich eine katastrophal schlechten prädiktiven Wert. Ich
muss das natürlich bei entsprechenden Indikationen machen. Die IgM-Diagnostik ist wertvoll für die
Diagnose der Frühmanifestation. Wenn man dann zusätzlich im Verlauf noch IgG-Antikörper nachweisen kann,
dann wäre das noch schöner. Wir versuchen die Diagnostik zu verbessern - was ich vorhin gesagt habe -
vorher negative IgG-Reaktionen hinzu kriegen. Man muss alle Möglichkeiten der Serodiagnostik ausschöpfen. . . .
Es gibt auch monoklonale Aktivierungen, die dazu führen, dass IgM-Antikörper auftreten, die man nicht
aufgrund des Western-Blots unterscheiden kann, . . . reaktive EBV-Infektion . . .
? Wann ist der günstigste Zeitpunkt für die Verlauskontrolle?
! Wilske: In der Regel 14 Tage, aber das kann natürlich auch vom Befund abhängig sein. Wenn ich bei einer
akuten Neuroborreliose einen grenzwertigen Titer habe, werde ich wohl etwas schneller kontrollieren. Wir
wissen das z. B. auch von der Leptospirose, dass man eher kurzfristig kontrollieren muß. Klaus Hansen hat
gezeigt, dass nach 6 Wochen alle Neuroborreliosen IgG-positiv sind. Die intrathekalen Antkörper können
früher nachweisbar sein.
? Verschiedene Stämme?
! Wilske: . . . wir haben dann gesehen, dass es sinnvoll ist, beim rekombinanten Blot verschiedene Homologe
von verschiedenen Stämmen zu kombinieren, um die Sensitivität wesentlich zu erhöhen. . . . Wir finden einfach
Unterschiede z. B. bei Hautmanifestationen und bei Neuroborreliose. . . . Wir haben gesehen, dass
verschiedene Borrelien-Stämme unterschiedlich schnell den Zeckendarm passieren können. . .
? Schielke: Es gibt es ja praktisch nicht, dass ein Patient eine Neuroborreliose und eine
Arthritis hat; das ist ja extrem selten, dass jemand beides hat; kann man sich das durch
verschiedene Serotypen erklären, wirtsspezifisch?
! Wilske: . . . Stärkste Prävalenz von B. garinii bei der Neuroborreliose; allerdings ist das klinische
Bild bei der Neuroborreliose in Amerika auch nicht so unterschiedlich, die haben gar keine B. garinii-Stämme;
echte Bindung an den Typ: Acrodermatitis chronica atrophicans.
? Schielke: Können Sie noch mal etwas zur Urin-PCR sagen; wir machen die nicht, aber die Patienten kommen
mit den Befunden?
! Wilske: Die Urin-PCR kann man nicht für die Diagnostik empfehlen; in der MIQ wird sie nicht empfohlen.
Es gibt Labors, die die Urin-PCR machen und die finden dann positive Urin-PCRs bei sonst seronegativen
Patienten; das ist denkbar unwahrscheinlich, das ist einfach abzulehnen. . . Wenn man Mäuse infiziert,
kann man den Borreliose-Erreger relativ gut aus der Blasenwand isolieren; niemand weiß, ob das auch beim
Menschen so ist und ob die dann gut in den Urin gehen . . . Das ist keine validierte Methode; das ist
noch schlimmer als mit dem Lymphozyten-Transformationstest; der ist nämlich noch teurer. Da wird noch viel mehr . ..
? Wann ist mit der kommerziellen Einführung eines verbesserten rekombinanten Blots zu rechnen?
! Wilske: Das ist ein Patentproblem, wir können als Pettenkoferinstitut unsere eigene Diagnostik verbessern;
. . . es hängt davon ab, wie sich die Entwickler von Diagnostika mit dem Thema auseinandersetzen; . . . Ich
kann nur sagen: es ist notwendig, dass etwas passiert.
? Gibt es harte Fakten zur Verbindung Psychose - Borreliose?
! Schielke: Die Einzelfälle, die dokumentiert sind, sind vor allem jüngere Leute mit einer Psychose; es gibt
einen Fall, wo sich mit der Erregerisolierung aus dem Liquor eine Borreliose feststellen ließ. Bei jedem
Patienten mit einer Psychose sollte man einmal im Leben eine Liquor-Punktion machen; es kann ja noch eine
ganz andere Ursache geben, als eine Borreliose. Es ist nicht einfach, klinisch eine endogene von einer
exogenen Psychose zu unterscheiden. Es würde für mich zur Sorgfaltspflicht bei einer erstmals auftretenden
Psychose gehören, auch eine Liquor-Untersuchung zu machen; wenn da Entzündungszeichen sind, würde die
Borreliose zu einer der seltenen Differentialdiagnosen gehören.
? Bauchwandparese?
! Schielke: Das ist eine Entzündung, die weniger eine direkte Erregerinfiltration ist ( die sind in den
Meningen und im Liquor zugange, die Borrelien); da wird der Facialisnerv auf seinem Verlauf zwischen
Hirnstamm und dem Eintritt in den Felsenbeinkanal genauso entzündet, wie die Nervenwurzeln, die die
Bauchwand innervieren; es ist alles eine Entzündung der Nervenwurzeln.
? ?? Intrathekale, oligoklonale Antikörper - MS - Borreliose?
Schielke: Das sind nicht alles Borreliose-Banden; die Borreliose ist eher eine subakute oder chronische
Infektion; und wir haben innerhalb des ZNS bei allen chronischen Infektionen, auch bei allen chronischen
Entzündungen, die wahrscheinlich nicht infektiös sind - bei der Multiplen Sklerose und bei der Neuroborreliose
- eine polyklonale Immunstimmulation; das haben wir auch bei akuten Infektionen; bei der Herpes-simplex-Enzephalitis
- ganz früh finden Sie natürlich keine intrathekalen Antikörper, da müssen sich erst mal Lymphozyten und
Plasmazellen ausdiffenzieren - da ist bei einer Infektion, wie der Herpes-simplex-Enzephlitis ein gewisser
Anteil, etwa 30 %, oder so, Antikörper gegen HSV; Sie haben da fast immer auch positive Antikörper-Indizes
gegen Varizella-Zoster, z. B. bei chronischen Entzündungen, z. B. bei Multipler Sklerose. Bei chronischer
Neuroborreliose haben wir eine polyklonale Immunstimmulation und häufig auch eine MRZ-Reaktion - erhöhte
Antikörper-Indizes gegen Masern, Röteln, Zoster. Es ist nicht so, dass man einfach auf die isoelektrische
Fokussierung einen Marker draufklatschen müßte und dann finden könnte, dass das alles Borrelien-Antikörper sind.
! Wilske: Nur ein Teil der intrathekal produzierten IgGs oder IgMs ist erregerspezifisch, z. B, fast immer erhöhte
Gesamt-IgM-Produktion; aber es gibt eine Anzahl von Patienten, die gar keine erhöhte erregerspezifische IgM-Produktion
haben. Wir machen sogar in besonderen Fällen eine Korrektur, dass wir das total produzierte intrathekale IgG
mitberücksichtigen bei der Indexberechnung. Man kann einen Affinitätsimmunblot machen mit der isoelektrischen
Fokussierung; dies ist aufwendig und ein Problem ist das Antigen. Wünschenswert wäre Folgendes: man trennt erst
einmal Liquor und Serum mit der isoelektrischen Fokussierung auf, blottet dann diese verschiedenen Banden auf
einem mit Antigen beschichteten Träger; wenn da IgG drin ist, das an die Antigene bindet, dann setzt sich das
da fest trotz Waschprozeß und in einem weiteren Schritt werden diese IgG-Antikörper detektiert. . . .
Wünschenswert wäre es, (statt Suppenantigene) hochspezifische , rekombinant produzierte Antigene zu verwenden;
aber welche nehme ich dann?
? Die Ergebnisse der externen Qualitätssicherung in der Serodiagnostik zeigen stark divergierende Ergebnisse.
Herr Brade und Herr Hunfeld interpretieren das durch die falsche Durchführung der Teste, ungeeignete kommerzielle
Teste, fehlende Standardisierung und Referenzseren. Was tut man, um diese Situation zu verbessern?
! Wilske: Herr Mischke, Sie waren in der glücklichen Situation, auf dem Gebiet der Toxoplasmose das
Paul-Ehrlich-Institut zu haben: diese Institutionen interessieren sich nicht dafür, dass bei der Lyme-Borreliose
alles erlaubt ist; und auch das nationale Referenzzentrum für Borrelien hat da keine Handhabe. Das einzige,
was wir tun konnten, ist als Expertengruppe der DGHM eine MIQ zu schreiben. Wir haben uns erhofft, dass die
Firmen versuchen, ihre Teste zu verbessern und dass Laborärzte und Mikrobiologen versuchen, die besten Teste
zu nehmen, die am besten evaluiert sind. Es gibt keine Handhabe, das zu ändern. Der nächste Schritt wird sein,
dass für den Immunoblot eine DIN-Norm geschaffen wird, und zwar speziell für den Borrelien-Blot; da werden
Lothar Zöller und ich und die restlichen Experten sich damit befassen. Vielleicht ist das ein größeres
Druckmittel, weil eine DIN-Norm mehr Gewicht hat, als eine MIQ. Letztlich können wir daran nichts ändern;
wir können nur immer wieder Aufklärung betreiben, aber die Leute nicht maßregeln. Wir müssen hoffen,
dass die Firmen, die die besten Teste machen, diese auch verkaufen. Wie war das bei Ihnen, bei der
Toxoplasmose, wie waren da die Druckmittel?
! Mischke: Das ist ein Test, der weiterhin europaweit Zulassung hat; die Teste dafür sind weiterhin
genehmigungspflichtig.
! Wilske: Bei TORCH und der Syphillis gibt es eine ähnliche Problematik, da gibt es Handhaben. Aber bei der
Lyme-Borreliose haben wir diese Handhaben nicht. Das gilt ja auch für andere Teste, z. B. bei Chlamydien,
da wird noch mehr Unsinn gemacht. Die Lyme-Borreliose-Serum-Diagnostk wird immer schlecht geredet, so schlecht
ist sie im Verhältnis zu manchen anderen Serologien nicht; sie ist relativ gut ausgefeilt und es gibt auch
Möglichkeiten, gute Teste zu machen. Der einsendende Arzt muss sich die entsprechenden Labors suchen, die
die Teste machen. Wir haben als NRZ die Verpflichtung, da Aufklärung zu betreiben, wie Teste beurteilt
werden müssen und wie Interpretationen vermittelt werden müssen. - Referenzseren: das wäre wünschenswert.
Wir haben da in der Vergangenheit auch Anregungen gehabt aus Holland von Rikjemar; und ich habe mich
bereiterklärt, da intensiv mitzuarbeiten mit monoklonalen Antikörpern und rekombinanten Antigenen.
Es gibt da Ideen, aber das ist ein sehr teures Programm.
? Gibt es Daten zur Persistenz von Borrelien-DNA im Liquor nach Therapie einer Neuroborreliose? Der
Hintergrund ist, dass wir ab und zu mit der Anfrage "Borrelien-PCR aus Liquor bei Zustand nach Therapie,
fragliche Persistenz" konfrontiert werden. Von anderen Erregern, Mykobakterien, wissen wir ja, dass die
DNA ohne lebende Erreger über Monate bis Jahre Persistieren kann.
! Wilske: Zunächst einmal muss man sagen, dass bei der Neuroborreliose der Nachweis des Erregers von Haus aus
schon problematisch ist; man findet relativ selten Erreger-DNA; wenn man sie so schwer findet, kann man sie
nur besonders schwierig zur Verlaufskontrolle heranziehen; ein anderer Punkt ist, dass die Verlaufskontrolle
mittels PCR sowieso umstritten ist. Ich halte das für eine ganz besonders problematische Geschichte.<7p>
? Frage an Frau Schielke zur seltenen Manifestation Neuroborreliose - Hörsturz; wir haben einige solche Fälle;
als Teilnehmer der Ringversuche bitte ich darum, die Ringversuche schärfer zu gestalten und grenzwertige Fälle
mit hinein zu nehmen, auf die Interpretation zu achten und vor allen Dingen die Auswertung firmenbezogen zu
machen, dann können wir uns als Diagnostiker orientieren.
Schielke: Hörsturz ist ein problematisches Thema, weil es das als seltene Manifestation der Borreliose gibt.
Wenn man aber vor der Entscheidung steht, ob man bei einem Patienten mit Tinnitus oder Hörsturz eine
Borrelienserologie machen soll, die für sich genommen nicht sehr aussagefähig ist; oder soll man gleich
eine Liquor-Diagnostik machen. Es gibt gut dokumentierte Fälle von Hörsturz; ich würde aber erwarten,
dass in der grossen Mehrzahl der Fälle, wo es zum Hörsturz kommt, bei einer subtilen neurologischen
Diagnostik doch noch andere Zeichen zu finden sind. Es ist dann häufig der N. facialis mitbetroffen.
Ich hatte gerade einen Fall, wo jemand bei einer Neurosyphillis einen Hörsturz hatte, wo dann aber doch
der N. facialis dazu kam. Das begann mit Geschmacksstörungen, die fast gleichzeitig mit dem Hörsturz
auftraten; nach zwei Wochen war dann eine motorische Parese dabei. Ich würde sagen: die Borrelien-Serologie
nicht als Screening-Methode bei jedem Patienten mit Hörsturz; aber eine subtile neurologische Untersuchung
machen. Bei Mitbeteiligung anderer Hirnnerven nach Borreliose fahnden.
Schielke: Keine Schwierigkeit der Unterscheidung; bei den spongiformen Enzephalopathien gibt es andere
MR-Veränderungen.
? Wir haben bei Kindern viele Facialis-Paresen. Ist es vorstellbar, dass solches borrelienassoziert ohne
entzündliche Veränderungen im Liquor sein kann?
! Wilske: Nachzulesen in Hans-Jürgen Christens Habilitationsarbeit, die in den "Pädiatrica" publiziert
worden sind.
? Wir haben durchaus Fälle, die eine IgM-Antwort, aber keine entzündlichen Liquor-Veränderungen haben . . .
Schielke: . . . wir dürfen jemand ohne entzündliche Liquorveränderungen, wenn er frühzeitig kommt, mit Steroiden
behandeln. Wir können es nicht ausschließen, dass wir einmal eine Borreliose übersehen. Wenn es dem Patienten
schlechter gehen sollte, würde man auch noch mal nachpunktieren. . . .
Die Autorin ist Mitglied im Borreliose Selbsthilfe e. V. Berlin-Brandenburg
Anmerkung: Diese Aussagen der Wissenschaftler stehen in krassem Gegensatz zu den Erfahrungen der Betroffenen.
Aus diesem Grunde formiert sich seit über 8 Jahren in Deutschland die Borreliose-Selbsthilfe mit einem gut
funktionierenden Bundesverband. Uns als paramedizinische Sektierer zu bezeichnen, bedeutet eine Diskriminierung
nicht nur unserer Aufklärungsarbeit, sondern auch der Ärzte, die sich um unsere Genesung bemühen. Jeder Patient
hat das Recht auf Gesundheit und es ist legitim, dafür zu kämpfen - und dieser Kampf lohnt sich !
Hanna Priedemuth - März 2003
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